Wie sieht die Medizin der Zukunft aus?

Begleiten Sie Menschen durch ihr Leben und entdecken Sie, wie KI dabei hilft, gesund zu bleiben. Scrollen Sie sich durch Chancen, Grenzen und die Zukunft unserer Gesundheit.

Künstliche Intelligenz kann die Medizin in der Zukunft vielleicht sehr verändern. Wir zeigen Ihnen auf dieser Seite: Welche Auswirkungen hat KI in der Medizin auf die Menschen?

In fünf Lebensstationen zeigen wir, wie Künstliche Intelligenz die Medizin bis 2036 verändern könnte. Jede Station erzählt die Geschichte einer Person – vom neugeborenen Kind bis zur Seniorin – und wirft ein Schlaglicht darauf, wie Diagnosen genauer, Therapien individueller und die Versorgung menschlicher werden können.

Ein genetisches Screening erkennt schon bei Babys seltene Krankheiten, bevor Symptome auftreten. In der Jugend hilft KI, auf Röntgenbildern Herzvergrößerungen zu entdecken. Ein digitaler Zwilling testet im virtuellen Labor verschiedene Krebstherapien, bis die wirksamste gefunden ist. Wearables warnen rechtzeitig vor Bluthochdruck oder Diabetes, und im Alter unterstützen assistive Systeme den Alltag und helfen, Demenz früher zu bemerken.

Expertinnen und Experten der Technischen Universität München, der Ludwig-Maximilians-Universität und des Helmholtz Zentrums München erklären, woran sie heute arbeiten – und wie daraus die Medizin von morgen entsteht.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Künstliche Intelligenz kann die Medizin in der Zukunft vielleicht sehr verändern. Wir zeigen Ihnen auf dieser Seite: Welche Auswirkungen hat KI in der Medizin auf die Menschen? Die Informationen sind in 5 Abschnitten geordnet. Die Abschnitte sind:

  • vor der Geburt,
  • junger Mensch,
  • Erwachsener,
  • älterer Erwachsener,
  • Senior.

Jeder Abschnitt ist ein Altersabschnitt im Leben. In den Abschnitten beschreiben wir zum Beispiel:

  • Wie können Ärzte mit Hilfe von KI vielleicht Krankheiten früher erkennen?
  • Wie kann KI vielleicht die richtige Behandlung für eine Person finden?
  • Wie kann man mit KI vielleicht besser für Menschen sorgen?

Die Informationen auf dieser Seite sind ein zusätzliches Angebot. Die Informationen sind leicht verständlich geschrieben. Alle Menschen sollen sich nämlich über diese Themen informieren können. Unten links gibt es eine Funktion. Die Funktion heißt: Einfach erklärt. Mit dieser Funktion können Sie auswählen:

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- Was ist KI?

KI ist die Abkürzung für: Künstliche Intelligenz. Künstliche Intelligenz ist ein Fachwort. KI ist wie ein Computerprogramm. KI heißt: Computer können selbst Dinge lernen. Eine KI kann viele Aufgaben selbstständig machen. Eine KI kann zum Beispiel:

  • Probleme lösen
  • Texte schreiben
  • Zusammenhänge erkennen.

Menschen trainieren die KI. Das bedeutet: Die Menschen geben der KI sehr viele Informationen. Aus diesen Informationen lernt die KI.Wie kann KI die Medizin verändern?

Bis zum Jahr 2036 kann die KI vielleicht die Medizin sehr verändern. Einige Beispiele dafür sind:

Vielleicht kann die KI in Zukunft Untersuchungen von Babys auswerten. Mit den Ergebnissen der Untersuchung kann die KI seltene Krankheiten finden. Vielleicht findet die KI die Krankheit, noch bevor das Baby krank wird.

Vielleicht kann die KI in Zukunft Röntgen-Bilder vom Herz von Jugendlichen auswerten. Und vielleicht kann die KI dann auf den Röntgen-Bildern erkennen: Ist das Herz zu groß?

Vielleicht kann die KI in Zukunft auch Medikamente gegen Krebs testen. Dafür benutzt die KI einen digitalen Zwilling. Ein digitaler Zwilling ist wie eine Kopie des Menschen. Der digitale Zwilling ist auf einem Computer. Der digitale Zwilling hat sehr viele Informationen über den Patienten. Deshalb kann die KI zum Beispiel Medikamente an dem digitalen Zwilling testen. Das Medikament hilft dem digitalen Zwilling? Erst dann bekommt der Patient das Medikament.

Vielleicht kann die KI in Zukunft die Daten von Wearables auswerten. Wearables sind kleine Computer. Man trägt die Wearables am Körper. Die Wearables können zum Beispiel den Blutdruck messen. Und sie können den Blutzucker messen. Die KI kann die Informationen von den Wearables sofort auswerten. Die Werte werden schlechter? Dann kann die KI den Hausarzt informieren. Und der Mensch kann schneller Hilfe bekommen.

Vielleicht kann die KI in Zukunft auch Menschen mit Demenz helfen. Menschen mit Demenz können sich immer schlechter an Dinge erinnern. Die KI kann vielleicht die Krankheit viel früher erkennen. So kann die Demenz vielleicht besser behandelt werden.

Wer hat die Informationen auf dieser Seite gemacht?

Auf unserer Seite erklären Fachleute: Woran arbeiten sie heute? Und die Fachleute erklären: Wie wird die Medizin von morgen?

Die Fachleute arbeiten:

  • an der Technischen Universität München
  • an der Ludwig-Maximilians-Universität München
  • und am Helmholtz Zentrum München.

Warum ist KI in der Medizin wichtig?

75Mrd.

einzelne Zellen zählt der menschliche Körper. Daraus lassen sich riesige Datenmengen gewinnen, die mit Hilfe von KI analysiert und interpretiert werden können.

Der Körper eines Menschen hat 75 Milliarden Zellen. Man kann aus diesen Zellen eine sehr große Menge Informationen bekommen. Diese Informationen kann eine KI prüfen und verstehen. Menschen können diese Menge von Informationen nicht allein auswerten.

78.5%

Genauigkeit bietet ein auf Sprachmuster trainiertes KI-Modell, das Alzheimer etwa sechs Jahre vor anderen Tests – aus dem Blut oder per MRT – erkennt.

In 78,5 von 100 Fällen erkennt ein KI-Modell die Krankheit Demenz. Das Modell ist also schon ziemlich genau. Die KI hat aber einen entscheidenden Vorteil. Die KI kann eine Demenz 6 Jahre früher erkennen als andere Verfahren.

3Std.

verbringen Ärzte im Krankenhaus durchschnittlich statt mit ihren Patienten mit administrativen Aufgaben, die ihnen KI künftig abnehmen könnte.

Ärzte arbeiten jeden Tag 3 Stunden an Verwaltungsaufgaben. Die Ärzte schreiben zum Beispiel Berichte. Die Ärzte können in dieser Zeit nicht bei den Patienten sein. Eine KI kann die Verwaltungsaufgaben für die Ärzte erledigen. Dann haben die Ärzte mehr Zeit für die Patienten.

Vor der Geburt

Bevor ein Mensch auf der Welt ist, hat die Medizin schon begonnen, ihn zu begleiten. 2036 könnte KI diese Begleitung grundlegend verändern: präziser, individueller, kontinuierlicher. Aber auch folgenreicher. Denn je mehr wir wissen können, desto mehr müssen wir entscheiden. Drei Perspektiven auf eine Zeit, in der noch alles offen ist.

Werden kranke Menschen schon vor der Geburt aussortiert?

KI hat großes Potential, die Medizin enorm voranzubringen. Das Ende von Krankheiten, nur noch gesunde Menschen – eine schöne Vorstellung. KI hat bereits Einfluss, bevor eine Person geboren wird: Durch die kombinierte Auswertung genetischer Daten, Bildgebung und Vitaldaten von Mutter und Fötus verändert sich die Pränataldiagnostik. Für mehr Gesundheit! Aber was ist, wenn sich Risiken zeigen? Wer bestimmt, was als „gesund" gilt? Diese Fragen in der Pränataldiagnostik sind nicht neu, können durch KI aber verschärft werden. Doch die ethischen Leitplanken stehen: In Deutschland ist ein eugenisches Screening verfassungswidrig, die Letztentscheidung bleibt beim Menschen – und das Recht auf Nichtwissen bleibt erhalten. Die Technologie kann die ethischen Debatten befeuern. Die Antworten muss die Gesellschaft geben.

Ethik: Was ist gut für die Menschen? Und was ist schlecht?

KI kann der Medizin im Jahr 2036 vielleicht sehr helfen. Die KI kann den Menschen viel mehr Informationen über die Gesundheit geben. Diese vielen Informationen können aber auch gefährlich sein. Die Menschen müssen in Zukunft vielleicht überlegen: Welche Handlung ist richtig? Und welche Handlung ist falsch?

Ein Beispiel:

Schwangere Frauen haben vor der Geburt viele Untersuchungen. Der Arzt macht zum Beispiel einen Ultraschall. Mit einem Ultraschall kann der Arzt das Baby sehen. Der Arzt untersucht vielleicht auch das Blut der schwangeren Frau. So bekommt der Arzt Informationen über die Gene von dem Baby. Diese Untersuchungen nennt man auch: Pränataldiagnostik. Bei diesen Untersuchungen prüft der Arzt: Ist das Baby gesund? Der Arzt bekommt so vor der Geburt viele Informationen über das Baby.

Diese Informationen haben auch Risiken. Vielleicht erkennt der Arzt bei den Untersuchungen: Das Baby ist krank. Oder der Arzt erkennt: Das Baby hat ein hohes Risiko für Krankheiten. Dann haben die Eltern vielleicht Angst. Und vielleicht müssen sich die Eltern entscheiden: Was sollen wir tun? Lassen wir das Baby noch vor der Geburt behandeln? Oder vielleicht entscheiden sich die Eltern: Wir möchten einen Schwangerschaftsabbruch.

In Deutschland gibt es heute Gesetze für Untersuchungen vor der Geburt. Wegen dieser Gesetze darf niemand entscheiden: Das Baby ist nicht gut genug für die Gesellschaft. Die Gesetze sagen auch: Menschen dürfen immer selbst entscheiden: Möchte ich etwas über meine Gesundheit wissen oder nicht? Diese Gesetze werden in Zukunft noch wichtiger. Denn vielleicht bekommt man in der Zukunft durch die KI viel mehr Informationen über das Baby als heute. Dann wird vielleicht bei mehr Babys ein Risiko für Krankheiten erkannt. Und viel mehr Eltern werden sich entscheiden müssen. Deshalb werden die Gesetze in Zukunft noch wichtiger sein. Und die Menschen müssen überlegen: Was ist richtig? Und was ist falsch?

Werden kranke Menschen schon vor der Geburt aussortiert?

Ultraschall, Bluttests, Genomanalysen: Die Möglichkeiten, ein ungeborenes Kind medizinisch zu untersuchen, sind heute schon beeindruckend. Der nicht-invasive Pränataltest (NIPT) liest aus winzigen Zellspuren des Embryos im mütterlichen Blut genetische Informationen aus und kann chromosomale Veränderungen wie das Down-Syndrom mit hoher Genauigkeit erkennen. In Deutschland ist er bei entsprechender Indikation Kassenleistung. Künstliche Intelligenz wird solche Verfahren weiter verfeinern und neue ermöglichen. Doch was bedeutet das für die ethischen Fragen, die damit einhergehen?

Früh erkennen: Multimodale Daten, präzisere Vorhersagen

Dass KI in der Pränatal- und Neonataldiagnostik zunehmend Einzug halten wird, hält Prof. Dr. Björn Eskofier, Leiter des Lehrstuhls für KI-unterstützte Therapieentscheidungen und des Instituts für Künstliche Intelligenz in der Medizin an der LMU München, für sicher. Künftig werden genetische Daten, Laborwerte, Bildgebungen und Vitaldaten – von Mutter und Fötus – kombiniert ausgewertet. Sobald große Gen-Datenbanken aufgebaut sind, die auch Kombinationen aus mütterlichem und väterlichem Erbgut abbilden, wird eine datenbasierte Vorhersage von Risiken für seltene Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen möglich. Denn KI kann Muster in großen Datensätzen erkennen, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben.

Prof. Dr. Alena Buyx, Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien an der TU München, ordnet das ein: „KI ist sehr gut darin, Entwicklungen, die wir in der Medizin haben, zu beschleunigen. Aber das ist kein Game-Changer in Bezug auf die Bedeutung, die das hat fürs medizinische Handeln.“ Die ethischen Fragen, die pränatale Diagnostik aufwirft, seien nicht neu. Sie werden durch KI lediglich drängender.

Ein Beispiel dafür liefert Dänemark: Seit der NIPT in die Regelversorgung aufgenommen wurde, sank die Zahl der Kinder, die mit Down-Syndrom geboren werden, drastisch. Im Jahr 2017 wurden nur noch 13 Kinder mit dieser vorgeburtlich bekannten Diagnose geboren – nicht weil ein Algorithmus entschieden hätte, sondern weil Eltern auf Basis präziser Diagnostik Entscheidungen trafen. „Das ist eine Diskussion, der man sich gesellschaftlich stellen muss“, sagt Buyx. „Gleichzeitig muss man sehr, sehr genau darauf achten, dass das nicht eine Abwertung der Vielfalt menschlichen Lebens bedeutet.“

Besser entscheiden: Informiert – aber nicht unter Druck

Was wäre, wenn KI künftig nicht nur chromosomale Veränderungen erkennt, sondern auch Risikoprofile für spätere Erkrankungen erstellt? Für Brustkrebs, Herzerkrankungen oder Depressionen? Solche sogenannten hochprädiktiven Risikoprofile sind technisch bereits heute möglich. Die Frage ist, was die Gesellschaft damit macht.

Eskofier steht auf dem Standpunkt, dass in die Vielfalt des Lebens nicht eingegriffen werden darf. Pränataldiagnostik soll informierte Entscheidungen ermöglichen. Mit der notwendigen Beratung und Begleitung, nicht als Selektionsinstrument. Entscheidungen müssen frei bleiben: nicht beeinflusst von Versicherungen, Arbeitgebern oder sozialem Druck. „Diskriminierende Anwendungen, Schutz vor sozialem Druck – das muss natürlich verhindert werden“, sagt er. „Die Entscheidungen müssen tatsächlich frei bleiben.“

Der Deutsche Ethikrat hat dazu bereits 2017 in seiner Stellungnahme zu Big Data und Gesundheit eine klare Linie gezogen: In einer solidarischen Krankenversorgung dürfen hochprädiktive Risikoprofile niemals aus Kostengründen Versorgungsentscheidungen beeinflussen. Das Patientenwohl bleibt der Maßstab – nicht die statistische Wahrscheinlichkeit einer künftigen Erkrankung. Buyx, die von 2020 bis 2024 Vorsitzende des Deutschen Ethikrats war, unterstreicht: Therapieentscheidungen müssen auf klinischer Ebene getroffen werden, durch Fachgesellschaften, auf Basis von Evidenz, Wirksamkeit und Dringlichkeit.

Ein staatliches, eugenisches Screening-Programm auf Basis genetischer Risikofaktoren wäre in Deutschland verfassungswidrig. Buyx ist in diesem Punkt unmissverständlich: „Das würde ein faschistischer Staat machen. Und das wird es in Deutschland nicht geben.“ Die Fragen, die KI aufwirft, seien dieselben, die die Gesellschaft schon seit Jahrzehnten mit der Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik diskutiert. Deutschland habe dabei einen Vorteil: Es hat diese Debatten nie abgekürzt.

Gezielt handeln: Das Recht auf Nichtwissen – und neue Modelle der Selbstbestimmung

Zu den zentralen ethischen Prinzipien gehört das Recht auf Nichtwissen: Werdende Eltern müssen nicht wissen wollen, welche genetischen Risiken ihr Kind trägt – und dürfen nicht unter Druck gesetzt werden, es herauszufinden.

Deutschland verfügt in der Fortpflanzungsmedizin über einen der restriktivsten regulatorischen Rahmen weltweit. Das schützt vor Übergriffen und schafft Vertrauen. Buyx sieht das als Privileg: „Ich bin froh, in Deutschland und Europa zu leben, weil ich mich darauf verlassen kann, dass jedenfalls in der organisierten Medizin die Dinge sorgfältig und verantwortlich eingeführt werden.“

Die Medizin des Jahres 2036 wird mehr wissen: über Gene, Risiken, Wahrscheinlichkeiten. KI wird dabei helfen, dieses Wissen schneller und präziser zu gewinnen. Doch die entscheidende Frage bleibt dieselbe wie heute: Was machen wir mit diesem Wissen? Die Antwort darauf ist keine technische. Sie ist eine gesellschaftliche.

Prof. Dr. Alena Buyx ist Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien an der Technischen Universität München (TUM) und war von 2020 bis 2024 Vorsitzende des Deutschen Ethikrats.

Prof. Dr. Björn Eskofier leitet den Lehrstuhl für KI-unterstützte Therapieentscheidungen und das Institut für Künstliche Intelligenz in der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU).

Quellen:

Interviews mit Prof. Dr. Alena Buyx, Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien, TU München (TUM), und Prof. Dr. Björn Eskofier, Lehrstuhl für KI-unterstützte Therapieentscheidungen & Institut für KI in der Medizin, LMU München. Deutscher Ethikrat (2017): Big Data und Gesundheit – Datensouveränität als informationelle Freiheitsgestaltung. Stellungnahme. Berlin. Spiegel Online (2020): In Dänemark werden kaum noch Kinder mit Down-Syndrom geboren. apotheken-umschau.de: Nicht-invasiver Pränataltest (NIPT) – Kassenleistung und Voraussetzungen.


Gut versorgt in der Schwangerschaft

Eine Schwangerschaft ist kein Ausnahmezustand. Aber sie kann einer werden. Bluthochdruck, Schwangerschaftsdiabetes, drohende Frühgeburt: Komplikationen, die heute oft erst erkannt werden, wenn sie sich bereits manifestiert haben. 2036 könnte KI das ändern. Nicht durch spektakuläre Eingriffe, sondern durch kontinuierliche, stille Begleitung. Ein Sensor am Handgelenk, ein Algorithmus im Hintergrund, eine Ärztin, die eingreift, bevor etwas passiert. Schwangerschaft wäre dann nicht mehr nur Vorsorge in Abständen, sondern Fürsorge in Echtzeit. 

Versorgung von Schwangeren

Manchmal kann eine Schwangerschaft für die Mutter und das Baby gefährlich werden. Gefährlich für eine Schwangerschaft ist zum Beispiel:

Bluthochdruck: Bei einem Bluthochdruck fließt das Blut ständig mit zu hohem Druck durch den Körper. Das belastet den Körper stark.

Diabetes: Bei Diabetes kann der Körper Zucker nicht richtig verarbeiten. Deshalb haben betroffene Frauen zu viel Zucker im Blut. Das kann zum Beispiel den Nerven und den Augen schaden.

Frühgeburt: Bei einer Frühgeburt kommt das Baby zu früh auf die Welt.

Heute merkt man diese Gefahren oft zu spät. Im Jahr 2036 ist das vielleicht anders. Dann kann eine KI den Frauen vielleicht helfen. Die Frauen tragen dann vielleicht einen Sensor am Handgelenk. Der Sensor misst verschiedene Werte am Körper von der Frau. Der Sensor gibt die Werte an die KI weiter. Die KI überprüft die Werte. Die Werte sind nicht gut? Dann kann die KI den Ärzten selbstständig Bescheid sagen. So können die Ärzte schon früh helfen. Dann entstehen die Gefahren für die Mutter oder das Baby vielleicht gar nicht.

Versorgung von Schwangeren

Clara, 34, ist in der 28. Schwangerschaftswoche. Ihr Handgelenk trägt einen kleinen Sensor – unauffällig, leicht, immer dabei. Er misst Blutdruck, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung, rund um die Uhr. An diesem Morgen schickt ihre Gesundheits-App eine Meldung: Blutdruck leicht erhöht, zweimal in Folge. Kein Alarm, kein Notfall. Aber ein Signal, das eine KI bereits ausgewertet hat. Und das Claras Ärztin jetzt auf dem Bildschirm sieht, noch bevor Clara selbst etwas gespürt hat.

Früh erkennen: Begleitung, bevor etwas passiert

2036 würde eine Schwangerschaft nicht mehr nur aus punktuellen Vorsorgeuntersuchungen bestehen. Wearables, tragbare Sensoren, würden Vitaldaten der Schwangeren kontinuierlich erfassen und direkt an die Klinik übermitteln. Eine KI würde diese Daten in Echtzeit auswerten, Muster erkennen und Abweichungen melden, lange bevor Symptome auftreten. Claras Ärztin könnte eingreifen, bevor eine Situation gefährlich wird. Die Schwangere könnte zu Hause bleiben, bei ihrer Familie, statt zur Beobachtung ins Krankenhaus eingewiesen zu werden.

Heute ist das noch die Ausnahme. Zwei bis fünf Prozent der Frauen entwickeln im Laufe der Schwangerschaft eine Präeklampsie, umgangssprachlich Schwangerschaftsvergiftung. Weil schwere Komplikationen lebensbedrohlich sein können, werden viele Frauen mit dem Verdacht zur Sicherheit stationär aufgenommen, auch wenn es rückblickend nicht nötig gewesen wäre. Projekte zeigen heute schon, dass es anders geht: Ein KI-Algorithmus, trainiert auf den Daten von tausenden Patientinnen, berechnet das individuelle Komplikationsrisiko in Echtzeit und gibt Ärztinnen eine fundierte Grundlage, um zu entscheiden, ob eine Einweisung wirklich notwendig ist. Erste Studien belegen: Das System ist sicher, reduziert unnötige Krankenhausaufenthalte und erhöht die Zufriedenheit der Patientinnen. 2036 könnte das, was heute noch Forschungsprojekt ist, überall Standard sein. „Für diese Situationen kann Digitalisierung enorm helfen“, sagt Prof. Dr. Jacqueline Lammert, Oberärztin für Gynäkologische Präzisionsonkologie an der TUM.

Mehr wissen. Aber wie viel?

2036 würde KI nicht nur Vitalwerte überwachen. Sie könnte auch genetische Informationen beider Elternteile einbeziehen und daraus Risiken für Komplikationen oder Erkrankungen des Kindes vorhersagen. „Aus der Kombination der Daten von Mutter und Vater werden sich potenzielle Komplikationen und Risiken für seltene Erkrankungen sehr viel besser vorhersagen lassen, als wir es heute tun können“, sagt Prof. Dr. Björn Eskofier, Leiter des Lehrstuhls für KI-unterstützte Therapieentscheidungen und des Instituts für Künstliche Intelligenz in der Medizin an der LMU München.

Mehr Wissen bedeutet aber auch: mehr Entscheidungen. Wollen Eltern wissen, wenn ein Risiko besteht? Und wenn ja, welches? „Man kann informierte Entscheidungen ermöglichen“, sagt Eskofier. „Aber dann mit der entsprechenden Beratung und Begleitung.“ Er ist überzeugt: Das Recht auf Nichtwissen muss auch 2036 gewahrt bleiben als bewusste, selbstbestimmte Entscheidung, frei von sozialem Druck, von Versicherungen oder dem Umfeld.

„Ich finde es ganz wichtig, den Paaren das Ausmaß der genetischen Untersuchung zu erklären – was ist die Einschränkung, wie viel kann ich sehen, und wie viel übersehe ich eventuell“, sagt Lammert. KI kann mehr sehen als je zuvor. Aber sie kann nicht entscheiden, was Menschen wissen wollen.

Nach der Geburt: wenn die Begleitung nicht endet

Claras Blutdruck bleibt die ganze Schwangerschaft über hoch, aber gut überwacht übersteht sie die Zeit und muss nicht in Krankenhaus. Nach der Geburt normalisiert er sich innerhalb weniger Tage. Aber das Risiko bleibt. Frauen, die in der Schwangerschaft Bluthochdruck oder Schwangerschaftsdiabetes entwickelt haben, tragen ein deutlich erhöhtes Risiko, in den folgenden Jahren an manifestem Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erkranken. Heute werden die meisten Frauen nach der Entbindung aus der Betreuung entlassen und sind auf sich gestellt. 2036 würde die Begleitung hier nicht enden: Ein KI-gestütztes Nachsorgeprogramm würde Clara auch nach der Geburt begleiten: mit regelmäßigen Erinnerungen, datengestützten Empfehlungen, stillen Hinweisen. Nicht als Überwachung. Sondern als Fürsorge, die dann da ist, wenn sie gebraucht wird.

Prof. Dr. Jacqueline Lammert ist Oberärztin für Gynäkologische Präzisionsonkologie am TUM-Klinikum und leitet die Forschungsgruppe KI in der Frauengesundheit am Institut für KI und Informatik in der Medizin der Technischen Universität München. Sie forscht an KI-Systemen, die medizinisches Wissen zugänglicher und gerechter machen sollen.

Prof. Dr. Björn Eskofier leitet den Lehrstuhl für KI-unterstützte Therapieentscheidungen und das Institut für Künstliche Intelligenz in der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er forscht an KI-gestützten Systemen zur Früherkennung und personalisierten Gesundheitsversorgung über alle Lebensphasen hinweg.


Pränatal-Diagnostik: Ist alles in Ordnung?

Neun Monate, in denen alles möglich ist und vieles ungewiss bleibt. Jede Schwangerschaft beginnt mit Hoffnung und mit Fragen: Ist alles in Ordnung? Entwickelt sich das Kind gesund? Ultraschall und Bluttests geben erste Antworten, aber sie haben Grenzen. 2036 könnte KI diese Lücken schließen: Sie würde Ultraschallbilder in Echtzeit auswerten, genetische Signale mit Millionen Verläufen abgleichen und Risiken erkennen, bevor sie sichtbar werden. Nicht um Entscheidungen zu treffen, sondern um werdenden Eltern und Ärztinnen mehr Wissen an die Hand zu geben. Genau dann, wenn es zählt.

Pränatal-Diagnostik

Schwangere Frauen fragen sich vielleicht: Ist mein Kind gesund? Deshalb gibt es regelmäßige Untersuchungen beim Frauenarzt. Der Frauenarzt macht zum Beispiel eine Ultraschall-Untersuchung. Mit der Ultraschall-Untersuchung können Ärzte in den Körper hineinsehen. Der Arzt untersucht vielleicht auch das Blut der schwangeren Frau. Bei dem Bluttest wird eine kleine Menge Blut auf Spuren von Krankheiten untersucht. Aber mit einem Ultraschall und Bluttests können Ärzte nicht alle Krankheiten erkennen. Im Jahr 2036 kann eine KI vielleicht mehr sehen. Die KI kann Ultraschallbilder und Blutwerte sofort auswerten. Und die KI kann Millionen andere Ultraschall-Bilder mit dem Ultraschall-Bild der Frau vergleichen. So kann die KI früh erkennen: Entwickelt sich das Baby gut? Die Eltern und die Ärzte bekommen dann mehr Informationen. So können sie dem Baby besser helfen.

Pränatal-Diagnostik: Ist alles in Ordnung?

Krümel ist zehn Wochen alt, gemessen ab dem Tag der Befruchtung. Er ist etwa drei Zentimeter groß, hat Finger und Zehen, ein schlagendes Herz und ein Gehirn, das gerade beginnt, sich zu falten. Noch ist er ein Embryo, noch nicht offiziell ein Fötus. Aber für seine Mutter Clara, 34, ist er längst eine Person mit einem Spitznamen. Heute begleitet Clara ihn zur ersten großen Vorsorgeuntersuchung.

Was KI im Ultraschall sieht

2036 könnte Krümels erster großer Ultraschall ganz anders ablaufen als heute. Nicht weil die Untersuchung selbst sich verändert hat – Ultraschall bleibt Ultraschall – sondern weil ein KI-System die Bilder in Echtzeit mitliest. Trainiert mit Hunderttausenden fetaler Ultraschall-Aufnahmen, würde es Herzstrukturen vermessen, Organentwicklung bewerten, feinste Abweichungen markieren. Herzfehler, Organfehlbildungen, Hinweise auf seltene genetische Syndrome: Die KI würde nicht diagnostizieren, aber sie würde auf das hinweisen, was genauer untersucht werden sollte.

Dabei könnte KI im Jahr 2036 nicht nur besser auswerten, sondern auch bessere Bilder erzeugen. Denn ein Problem bleibt: Krümel bewegt sich, Clara bewegt sich, der Schallkopf bewegt sich. Dadurch entstehen Bildstörungen: Sogenannte Bewegungsartefakte trüben die Aufnahmen. „KI-Systeme könnten diese Daten nachträglich so zusammensetzen, dass ein schärferes, vollständigeres Bild entsteht – und damit Details sichtbar machen, die heute noch im Verborgenen bleiben“, sagt Prof. Dr. Julia Schnabel, Direktorin des Instituts für Machine Learning in Biomedical Imaging, Helmholtz Munich.

Die Vorteile dieser verbesserten Diagnostik zeigen sich zum Beispiel bei angeborenen Herzfehlern. „Wird ein falsch verbundenes Herz erst bei der Geburt entdeckt, sinkt der Sauerstoffgehalt im Blut des Babys innerhalb von Minuten. Jede Sekunde zählt. 2036 könnte eine KI-gestützte Ultraschallauswertung solche Defekte bereits im Mutterleib erkennen – sodass Operateure vorbereitet sind, bevor das Kind auf die Welt kommt“, erklärt Schnabel. Den Anfang macht die Gegenwart: Schon jetzt werden testweise KI-System eingesetzt zur algorithmischen Unterstützung bei der Erstellung und Interpretation fetaler Ultraschallbilder. Was heute noch Ausnahme ist, könnte 2036 überall verfügbar sein, in der Landarztpraxis genauso wie in der Universitätsklinik.

„Manche Schritte, wie zum Beispiel ein Organscreening, werden in Zukunft automatisiert ablaufen können“, sagt Prof. Dr. Jacqueline Lammert, Oberärztin für Gynäkologische Präzisionsonkologie an der TUM und Leiterin der Forschungsgruppe KI in der Frauengesundheit. „Diejenigen Frauen, die sonst vielleicht nicht in die Pränataldiagnostik gegangen wären, könnten dann noch mal mehr rausgefischt werden.“

Bluttest, Ultraschall – und was KI daraus macht

Beim Ultraschall zeigt sich bei Krümel eine minimale Verdickung der Nackenfalte. Ein Hinweis, kein Befund. Aber der Beginn einer Frage, die Clara nicht loslässt: Was bedeutet das? Seit 2022 ist der nicht-invasive Pränataltest (NIPT) in Deutschland Kassenleistung für Frauen mit erhöhtem Risiko. Aus einer Blutprobe der Mutter lässt sich mit hoher Sicherheit feststellen, ob bestimmte Chromosomenstörungen, etwa Trisomie 21, beim ungeborenen Kind vorliegen könnten. Aber der Test hat Grenzen: Er deckt nur einen kleinen Ausschnitt möglicher Erkrankungen ab. Viele Fehlbildungen zeigen sich ausschließlich im Ultraschall. Und seltene genetische Syndrome bleiben oft lange unsichtbar oder aber zur Abklärung werden invasive Methoden wie eine Fruchtwasseruntersuchung nötig.

Genau hier könnte KI 2036 den Unterschied machen: nicht als einzelnes Instrument, sondern als Verbindungsglied. Sie würde Bluttest, Ultraschallbefund, Alter der Mutter und weitere Parameter zusammenführen – und daraus ein individuelles Risikobild berechnen, das präziser ist als jede Einzeluntersuchung allein. „Wo man Ultraschallauffälligkeiten sieht, kann KI auf jeden Fall sehr gut unterstützen, weil man eben die Durchsuchbarkeit von Möglichkeiten – vor allem von extrem seltenen Erkrankungen – dann noch mal besser ins Auge greift"", sagt Lammert.

Mehr Wissen, mehr Entscheidungsfreiheit

Statt einer allgemeinen Risikoeinschätzung bekäme Clara 2036 ein konkretes, auf sie zugeschnittenes Bild. Und ihre Ärztin hätte eine fundierte Grundlage, um gemeinsam mit ihr zu entscheiden, welche nächsten Schritte sinnvoll sind – ohne voreilige Schlüsse, ohne unnötige Eingriffe. Krümels Nackenfalte ist etwas dicker als der Durchschnitt – das zeigt auch die KI. Aber sie zeigt noch mehr: Herzstruktur unauffällig, Organentwicklung altersentsprechend, kein weiterer Hinweis auf eine Chromosomenstörung. Die Ärztin empfiehlt einen NIPT zur Absicherung. Clara stimmt zu. Eine Woche später kommt das Ergebnis: unauffällig. Krümel ist, soweit man das mit zehn Wochen sagen kann, gesund. Nicht weil die KI es garantiert hätte. Sondern weil sie geholfen hat, nichts zu übersehen.

Prof. Dr. Julia Schnabel ist Direktorin des Instituts für Machine Learning in Biomedical Imaging, Helmholtz Munich und Professorin an der Technischen Universität München. Sie forscht an KI-gestützter medizinischer Bildgebung – von der Pränataldiagnostik bis zur Früherkennung von Demenz.

Prof. Dr. Jacqueline Lammert ist Oberärztin für Gynäkologische Präzisionsonkologie am TUM-Klinikum und leitet die Forschungsgruppe KI in der Frauengesundheit am Institut für KI und Informatik in der Medizin der Technischen Universität München. Sie forscht an KI-Systemen, die medizinisches Wissen zugänglicher und gerechter machen sollen.


Junger Mensch

Die ersten 25 Jahre prägen die Gesundheit fürs Leben. Hier entscheidet sich, ob Krankheiten früh erkannt und individuell behandelt werden. 2036 hilft KI, Warnzeichen schneller zu deuten – im Erbgut, im Blut oder in der Stimmung. Sie kann seltene Erkrankungen aufspüren, Krebsrisiken einschätzen und seelische Belastungen bemerken, bevor sie zur Krankheit werden.

Psychische Gesundheit: Tendenzen erkennen, beim Gesundwerden begleiten

Künstliche Intelligenz wird in der Zukunft helfen, psychische Krisen zu erkennen, bevor sie sich verfestigen. Algorithmen analysieren Sprache, Bewegung, Schlaf und Stimmung, um frühzeitig vor Überlastung oder beginnenden Depressionen zu warnen: sensibel, anonym und nur mit Zustimmung. So entsteht eine Art seelisches Frühwarnsystem: eine digitale Begleitung, die Stimmungen beobachtet, ohne zu werten, und rechtzeitig Unterstützung vorschlägt. Für Jugendliche bedeutet das: Sie müssen nicht mehr erst scheitern, um Hilfe zu bekommen. So wie es heute oft ist. Warnzeichen bleiben oft unbemerkt, Betroffene warten Monate auf Therapieplätze oder sprechen aus Scham gar nicht darüber. Stattdessen können KI-gestützte Systeme Psychologen und Ärztinnen helfen, Belastungen präziser einzuordnen und Jugendliche dabei unterstützen, psychische Stabilität zu bewahren, bevor eine Erkrankung entsteht.

Psychische Gesundheit

Manche Menschen haben eine psychische Erkrankung. Bei einer psychischen Erkrankung sind die Gedanken und die Gefühle einer Person betroffen. Psychische Erkrankungen sind zum Beispiel Depressionen oder Angsterkrankungen. Psychische Erkrankungen erkennt man oft erst spät. Dann geht es den betroffenen Personen meist schon sehr schlecht. Viele Betroffene reden nämlich nicht darüber. Sie schämen sich vielleicht für ihre Gefühle. Meist bekommen sie deshalb erst spät Hilfe. Betroffene müssen meist auch lange auf einen Platz bei der Psychotherapie warten.

Im Jahr 2036 ist das vielleicht anders. Dann kann vielleicht eine KI den Menschen helfen. Die KI kann psychische Erkrankungen vielleicht früher erkennen. Dafür prüft die KI verschiedene Dinge:

  • Wie sprechen die Menschen?
  • Wie bewegen sich die Menschen?
  • Wie schlafen die Menschen?
  • Wie fühlen sich die Menschen?

Dafür benutzt die KI zum Beispiel Informationen aus Chats oder den sozialen Netzwerken. Aber die KI benutzt die Daten nur, wenn die Betroffenen zustimmen. So können Betroffene früher Hilfe bekommen. Die KI kann zum Beispiel Angebote zur Unterstützung vorschlagen. Die KI kann auch Ärztinnen und Ärzten helfen. Und sie kann Psychologen helfen. Die Ärzte können dann sehen: Wie geht es den Patienten? Und was brauchen die Patienten? Dann können sie den Patienten besser helfen.

Psychische Gesundheit: Tendenzen erkennen, beim Gesundwerden begleiten

Lina ist 16 und eigentlich eine ruhige, beliebte Schülerin. Doch in den letzten Monaten zieht sie sich zurück. Hausaufgaben bleiben liegen, Tennistraining sagt sie öfter ab. Ihre Eltern denken zuerst an Pubertät oder Stress. Schließlich steht die elfte Klasse bevor. Was niemand sieht: Lina schläft schlecht, ihr Kopf ist ständig voll von unsinnigen Gedanken, und morgens fühlt sich alles anstrengender an als früher.

In der Medizin von 2036 könnten diese frühen, oft übersehenen Signale nicht mehr nur das Bauchgefühl der Eltern oder Lehrkräfte sein. Eine KI-gestützte Gesundheitsplattform wertet diskret Linas Daten aus: Schlafrhythmus, Bewegungsmuster, Social-App-Aktivität, Sprache in Sprachnachrichten oder Chat-Texten. Alles streng datenschutzkonform, pseudonymisiert und nur mit Zustimmung. Die Muster zeigen, dass Linas Stimmung über Wochen abflacht und ihre Aktivitätskurven abflauen. Bevor sich eine Depression manifestiert, bekommt sie, gemeinsam mit ihren Eltern, ein niedrigschwelliges Unterstützungsangebot.

Heute: Zwischen Tabus und Wartelisten

Heute hängt die Erkennung psychischer Krisen oft davon ab, dass jemand sie bemerkt: ein Lehrer, eine Freundin, der Hausarzt. Doch diese Beobachtungen bleiben Momentaufnahmen. Hinzu kommt: Aktuell vergehen in Deutschland im Schnitt drei bis sechs Monate, bis Jugendliche mit psychischen Problemen einen Therapieplatz finden. Viele haben Angst vor Stigmatisierung. Lehrerinnen oder Eltern erkennen Warnzeichen oft zu spät. Und Sätze wie „reiß dich zusammen“ halten sich hartnäckig. KI kann diese Strukturen nicht ersetzen, aber sie könnte sie ergänzen und beschleunigen: Indem sie unterstützt, bevor das Stimmungstief chronisch wird. Die Modelle könnten kontinuierliche Datenströme lesen und lernen, wie Linas normaler Alltag aussieht und erkennen Abweichungen, bevor sie klinisch auffallen. „Früherkennung in der Psychiatrie bedeutet, minimale Veränderungen zu sehen, bevor sie das Leben einschränken“, sagt Prof. Peter Falkai, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am LMU Klinikum. KI könne hier ein objektiveres Bild liefern, nicht als Ersatz für ärztliche Urteilskraft, sondern als ihr Frühwarnsystem.

Unterstützung, die sich anpasst

Wenn Lina 2036 ein digitales Coaching startet, interagiert sie mit einem emotional intelligenten Avatar – einem KI‑Agenten, der Tonfall, Mimik und Wortwahl analysiert, um den Gemütszustand zu erkennen. Der Assistent motiviert, spiegelt Fortschritte, schlägt gezielte Übungen vor. Fühlt sich Lina einsam, bietet die App Gruppenchats mit Peers in ähnlicher Lage oder einen Termin mit einer Schulpsychologin an. Der Avatar begleitet sie wie eine Art digitaler Coach, der weiß, wann es Zeit ist, Hilfe von echten Menschen einzubinden.

KI-Experten wie Prof. Eric Schulz, Direktor des Helmholtz Munich Institute of Human-Centered AI, erforschen Systeme für ein solches Szenario. Sie sind darauf ausgelegt, Vertrauen zu fördern – ohne blinden Glauben. Schulz untersucht, warum Menschen KI vertrauen, gerade bei sensiblen Themen wie psychischer Gesundheit. Seine Forschung zeigt: Jugendliche akzeptieren digitale Helfer besonders dann, wenn sie anonym, wertfrei und leicht zugänglich sind. Das kann Hemmschwellen senken – besonders für jene, die sonst nie eine Praxis betreten würden.

Zwischen Mensch und Maschine: ein realistischer Ausblick

Lina nutzt die App im Jahr 2036 regelmäßig. In schlechten Wochen meldet sie sich häufiger, erinnert sie an Routinen, bietet kleine Aufgaben statt großer Ziele. Nach einigen Monaten stabilisiert sich ihr Schlaf und sie nimmt wieder am Tennistraining teil. Die KI hat keine Depression geheilt. Sie hat dafür gesorgt, dass sie gar nicht erst tiefgreifend wird.

Für Falkai steht fest: „Psychiatrie bleibt Beziehung. KI ist unser Werkzeug, um diese Beziehung früher und gezielter zu beginnen.“ 2036 könnte bedeuten, dass niemand mehr warten muss, bis es richtig schlimm wird, um Hilfe zu bekommen.

Prof. Dr. Peter Falkai ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am LMU Klinikum München. Er forscht zu Neurobiologie, Früherkennung und personalisierter Behandlung psychischer Erkrankungen unter anderem mit KI‑gestützten Verfahren zur Mustererkennung und Prognose.


Leukämie bei Kindern: Was machen die Gene?

Rund 15 Prozent aller krebskranken Kinder tragen eine angeborene genetische Veränderung, die ihr Erkrankungsrisiko erhöht. Die tatsächliche Zahl dürfte noch höher liegen. Im Jahr 2036 könnte KI die Ärztinnen und Ärzte darin unterstützen, die Veränderungen bei Kindern nicht nur nachzuweisen, sondern auch vorherzusagen, ob und wann ein Kind mit diesem Risikoprofil wirklich erkrankt. Die Forschung zielt darauf ab, dass KI bestimmte Muster in genetischen Daten erkennt, die der Mensch allein nicht entdecken kann. So entsteht aus einem allgemeinen Risiko, an Krebs erkranken zu können, ein individuelles Bild, wie wahrscheinlich diese Erkrankung ist. Das ermöglicht Prävention und frühe, zielgerichtete Therapien.

Krebs bei Kindern

Manche Kinder können Krebs bekommen. Krebs heißt: Im Körper teilen sich Zellen unkontrolliert. Das nennt man auch Tumor. An Krebs kann man sterben.

15 von 100 Kindern mit Krebs hatten schon bei der Geburt eine Veränderung in den Genen. Die Gene sind die Körperbausteine der Menschen. Durch diese Veränderung in den Genen können die Kinder leichter Krebs bekommen. Wahrscheinlich haben sogar noch mehr Kinder so eine Veränderung in den Genen.

Die KI kann im Jahr 2036 vielleicht diese Veränderung in den Genen sehen. Menschen können diese Veränderung in den Genen nicht sehen. Im Jahr 2036 kann die KI dann vielleicht den Ärzten helfen. Die Ärzte können dann vielleicht sehen: Hat ein Kind eine Veränderung in den Genen? Bekommt das Kind vielleicht Krebs? Und sie können vielleicht sogar sagen: Wann bekommt das Kind Krebs? So können die Ärzte besser aufpassen. Und die Ärzte können früher mit einer Behandlung anfangen.

Leukämie bei Kindern: Was machen die Gene?

Mia ist sieben Jahre alt und liebt Fußball. Als sie nach dem Training immer häufiger müde ist und ihr Gesicht blass bleibt, denkt ihre Mutter zunächst an Eisenmangel. Beim Kinderarzt zeigt das Blutbild etwas viel Schlimmeres: Mia hat Leukämie. Die akute lymphoblastische Leukämie (ALL) ist die häufigste Krebserkrankung im Kindesalter, sie macht rund 30 Prozent aller Kinderkrebsfälle aus. Darm-, Brust-, oder Lungenkrebs, die bei Erwachsenen dominieren, kommen bei Kindern kaum vor. Er entwickelt sich schnell – spricht aber auch oft sehr gut auf Therapie an.

Gene erzählen eine Geschichte – wenn man sie lesen kann

Etwa jedes siebte bis zehnte Kind, das an Krebs erkrankt, trägt eine angeborene genetische Veränderung. Das bedeutet nicht, dass diese Kinder zwangsläufig erkranken – aber ihr Risiko ist erhöht, und es bleibt es ein Leben lang.

Genau hier setzt die Arbeit von Prof. Dr. Julia Hauer an. Die Kinderonkologin an der Technischen Universität München erforscht, wie sich solche angeborenen Risikofaktoren frühzeitig erkennen und für Prävention nutzen lassen. Wenn bei einem erkrankten Kind eine genetische Risiko-Veränderung gefunden wird, können gezielt auch Geschwister und Eltern untersucht werden. Besitzt etwa Mias jüngerer Bruder Finn dasselbe Risikoprofil, empfehlen Ärztinnen und Ärzte dem Jungen jährliche Untersuchungen – um mögliche Veränderungen zu erkennen, bevor sie sich klinisch bemerkbar machen und schlechter therapierbar werden. „Diese Früherkennung sorgt dafür, dass die Kinder noch wahrscheinlicher geheilt werden können"", sagt Hauer.

KI macht den Unterschied

Das Problem: Ob Finn wirklich erkranken wird, kann heute niemand mit Sicherheit sagen. Eine genetische Veränderung erhöht das Risiko – aber wie stark, hängt von vielen weiteren Faktoren ab: anderen Genen und Einflüssen, die sich gegenseitig verstärken oder aufheben. Dieser Prozess der Risikobewertung läuft bislang weitgehend erfahrungsbasiert ab: Ärztinnen und Ärzte orientieren sich an bekannten Risikosyndromen und klinischen Merkmalen – und treffen Entscheidungen, die gut begründet, aber selten wirklich individuell sind.

„Genau hier könnte KI bis 2036 den Unterschied machen“, sagt Hauer. „Ein KI-Modell, trainiert an großen internationalen Patientenkohorten, könnte Muster in genetischen Daten erkennen, die für das menschliche Auge unsichtbar bleiben: Welche Kombination aus Genen und Begleitfaktoren erhöht das Risiko tatsächlich – und für wen ist Vorsorge besonders dringend?“ So ermittelt die KI auch das persönliche Risiko der bereits erkrankten Mia, einen Rückfall zu erleiden, um auch hier schnell einschreiten zu können.

Gezielt behandeln: Ein System, das Mia nicht aus den Augen verliert

KI endet für Hauer nicht bei der Diagnose. Im Jahr 2036 fließt Mias gesamtes Risikoprofil aus Genetik, Therapiehistorie und Lebensstilfaktoren in ein langfristiges Nachsorgekonzept ein. Heute werden Kinder nach einer Krebserkrankung in spezialisierten Nachsorgeambulanzen betreut – individuell, aufwendig, kaum skalierbar. Kontrolluntersuchungen sind zeitlich getaktet und reaktiv: Man wartet auf Beschwerden und handelt dann.

Stattdessen könnten in Zukunft Wearables, also tragbare Sensoren wie Smartwatches, bei den kleinen Patienten kontinuierlich Körperwerte erfassen. Eine KI erkennt frühzeitig Abweichungen, die auf Langzeitspätfolgen der Chemotherapie oder Bestrahlung hindeuten könnten. Und sie gibt den Medizinern rechtzeitig einen Hinweis, bevor Symptome auftreten. „Wenn das funktioniert, ist das ein erheblicher Fortschritt"", sagt Hauer.

Für Mia und Finn bedeutet die Medizin des Jahres 2036 bessere Chancen: ein individuelles Risikobild statt einer allgemeinen Einschätzung, eine Vorsorge, die wirklich zu Finn passt, und ein System, das Mia auch nach der Therapie nicht aus den Augen verliert. Für Hauer ist das keine ferne Utopie, sondern die logische Fortsetzung dessen, was die Kinderonkologie in den letzten Jahrzehnten bereits geleistet hat: Schritt für Schritt, Kind für Kind.

Prof. Dr. Julia Hauer ist Leiterin der Forschungsgruppe Kinderonkologie am TranslaTUM – Zentrum für Translationale Krebsforschung – und Klinikdirektorin am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin: eine Kooperation der München Klinik und des TUM Klinikums.


Seltene Erkrankungen, aber keine seltenen Diagnosen mehr

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer seltenen Erkrankung. Die meisten von ihnen warten Jahre auf eine Diagnose. 80 Prozent aller seltenen Erkrankungen haben eine genetische Ursache, doch das menschliche Erbgut ist so komplex, dass die entscheidende Mutation oft im Verborgenen bleibt. Im Jahr 2036 könnte KI das ändern: Systeme, die Genome wie Texte lesen, könnten krankheitsverursachende Mutationen als Tippfehler im genetischen Code erkennen. Auch solche, die noch nie zuvor beschrieben wurden. Für Patienten und Patientinnen, die an einer seltenen Krankheit leiden, könnte das den Unterschied bedeuten zwischen Jahren der Ungewissheit und einer Diagnose, die den Weg zu einer gezielten Behandlung öffnet.

Seltene Erkrankungen

In Deutschland haben etwa 4 Millionen Menschen eine seltene Erkrankung. Seltene Erkrankung bedeutet: Nur wenige Menschen haben diese Krankheit. Es gibt etwa 6000 bis 8000 seltene Erkrankungen. Jedes Jahr entdecken Forscherinnen und Forscher neue seltene Erkrankungen. Deshalb können Ärzte nicht alle seltenen Erkrankungen kennen. Und deshalb müssen viele Patienten lange auf die Diagnose warten.

Meistens ist die Ursache der seltenen Erkrankung in den Genen. Das bedeutet: Bestimmte Gene im Körper haben sich verändert. Diese Veränderung verursacht die seltene Erkrankung. Es gibt sehr viele Gene. Und die Gene sind sehr schwierig zu verstehen. Deshalb finden die Ärzte die Veränderung oft nicht.

Im Jahr 2036 ist das vielleicht anders. Dann kann eine KI vielleicht helfen. Die KI liest die Gene wie einen Text. Die KI kann dann den Fehler in den Genen finden. Dieser Fehler macht vielleicht krank. Vielleicht hat noch nie jemand von diesem Fehler gehört. Aber die KI kann den Fehler trotzdem finden. Für Menschen mit einer seltenen Krankheit ist das sehr wichtig. Sie können dann schneller wissen: Welche Krankheit ist der Grund für meine Beschwerden? Und sie können schneller eine Behandlung bekommen.

Seltene Erkrankungen, aber keine seltenen Diagnosen mehr

Lena ist 16, als ihre Beine anfangen, ihr Probleme zu machen. Nicht dramatisch, nicht plötzlich – eher schleichend. Beim Sport bleibt sie zurück, die Waden fühlen sich morgens steif an. Ihr Hausarzt ordnet eine Blutuntersuchung an. Und weil es das Jahr 2036 ist, könnte dazu inzwischen auch eine vollständige Genomsequenzierung gehören. Die Kosten würde die Krankenkasse übernehmen. So zumindest die Hoffnung der Forschenden, die heute dafür die Grundlagen legen.

KI-Systeme würden Lenas gesamtes Erbgut – die DNA – Buchstabe für Buchstabe durchsuchen. Die DNA ist der unveränderliche Bauplan des Körpers, der in jeder Zelle gleich ist. Die KI sucht darin nach einem winzigen Fehler: einer einzelnen falschen Stelle in einer Abfolge von drei Milliarden Buchstaben, die die Krankheit auslöst. Doch ein Fehler im Bauplan bedeutet nicht automatisch, dass man auch weiß, ob er wirklich Schaden anrichtet. Deshalb würden Algorithmen parallel eine Blutprobe analysieren und dabei die RNA untersuchen. Die RNA ist gewissermaßen der Bauplan in Aktion: Sie zeigt, welche Gene der Körper gerade abliest und ob dabei etwas schiefläuft. Verhält sich ein Gen deutlich anders als bei gesunden Menschen, produziert es zu viel, zu wenig oder etwas Fehlerhaftes, ist das ein starkes Signal, dass genau hier die Ursache der Erkrankung liegt. Erst die Kombination beider Analysen liefert die Gewissheit. Wenige Tage später hätte die Ärztin einen Befund: eine seltene Erkrankung der Muskulatur, ausgelöst durch die Veränderung in einem einzigen Gen. Lena wüsste endlich, womit sie es zu tun hat.

Der Forscher, der Genome lesen lehrt

Ob dieses Szenario 2036 Wirklichkeit wird, hängt unter anderem von der Arbeit von Julien Gagneur ab, Professor für Computational Biology an der TU München. Sein Labor verbindet Mathematik, Informatik und Medizin – und entwickelt seit über einem Jahrzehnt KI-Werkzeuge, die das Erbgut von Patientinnen und Patienten mit seltenen Erkrankungen auswerten.

„Bei seltenen Erkrankungen leidet die Mehrheit der Patientinnen und Patienten an Mutationen, die bislang noch nicht klinisch beschrieben wurden“, erklärt Gagneur. „Man braucht also ein Modell, das etwas interpretieren kann, was es noch nicht kennt.“ Sein Ansatz: sogenannte genomische Sprachmodelle – KI-Systeme, die auf dem Erbgut tausender Arten trainiert werden, von Pilzen bis zum Menschen. Sie sollen Muster im genetischen Text erkennen und neue Mutationen als wahrscheinliche Fehler einordnen können, auch wenn sie noch nie aufgetaucht sind. Die Technologie ist vielversprechend, aber noch nicht in der klinischen Routine angekommen.

„Komplementär zur DNA-Analyse suchen wir nach statistischen Ausreißern in RNA-Daten – also nach RNA-Molekülen, die bei einer Patientin oder einem Patienten deutlich anders vorkommen als bei gesunden Personen“, sagt Gagneur. „Das ist wie bei der Bank: Wenn eine Transaktion aus dem Rahmen fällt, meldet das System Alarm.“ Dieses Verfahren, das auf Modellierungsprinzipien aus der KI basiert, hat sein Team bereits entwickelt. Es wird heute schon in Forschungsnetzwerken eingesetzt und hat bereits Hunderte neue Diagnosen ermöglicht. Die Infrastruktur dafür entsteht gerade: Das German Human Genome Archive (GHGA), an dem Gagneurs Gruppe mitarbeitet, soll Genomdaten aus Kliniken sicher und pseudonymisiert speichern – und sie für die Forschung zugänglich machen. Ungelöste Fälle werden künftig in sogenannten Solvathons neu analysiert: kollaborative Treffen, bei denen Spezialistinnen und Spezialisten aus ganz Deutschland gemeinsam an schwierigen Diagnosen arbeiten. „Manchmal reicht ein Jahr Abstand, sich die Daten eines Patienten neu anzuschauen“, sagt Gagneur, „weil die Wissenschaft sich weiterentwickelt hat und wir die Daten mit neuen Augen sehen.“

Noch ist Lenas Geschichte eine andere. Ohne KI-gestützte Routinediagnostik wäre die Genomsequenzierung ein teurer Sonderfall. Selbst wenn sie angeordnet würde, stünden Ärztinnen und Ärzte vor Millionen von Varianten, deren Bedeutung unklar ist. Heute gelingt es nur bei etwa 50 Prozent der Betroffenen, überhaupt eine genetische Ursache zu identifizieren. Der Weg bis zur Diagnose dauert im Schnitt fünf bis sieben Jahre – Jahre, in denen die Muskeln bei der Myopathie-Krankheit weiter schwächer werden.

Von der Diagnose zur Chance

Eine Diagnose ist kein Happy End – aber sie wäre der entscheidende erste Schritt. Erst wenn die genetische Ursache bekannt ist, lässt sich gezielt handeln. Gagneur kennt bereits heute Fälle, in denen die Lösung verblüffend einfach war: „Wir hatten Kinder mit schweren Entwicklungsverzögerungen. Nach der genetischen Diagnose hat ein Kollege eine Vitamintherapie vorgeschlagen – und die Erkrankung hat aufgehört, sich weiterzuentwickeln. Manche Fähigkeiten kamen sogar zurück.“ Gagneur ist dabei vorsichtig mit großen Versprechen: „KI ist ein statistisches Werkzeug – kein Allwissender.“ Ärzte bliebe unverzichtbar als letzte Instanz, die den Befund einordnen und die Verantwortung tragen. Sein größtes Anliegen: dass Medizinerinnen und Mediziner durch KI nicht verlernen, selbst zu urteilen.

Lena ist 17, als sie – in diesem Szenario – die Diagnose bekommt. Sie ist erleichtert, nicht weil alles gut ist, sondern weil sie endlich weiß, was mit ihr passiert. Für Lenas Mutation gäbe es auch 2036 vielleicht noch keine zugelassene Gentherapie – aber sie könnte in Entwicklung sein, und Lena könnte an einer klinischen Studie teilnehmen. Ob sie geheilt werden kann, bleibt offen. Aber ihre Chancen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, könnten 2036 deutlich besser sein als heute – wenn ein KI-System einen Tippfehler in ihrem Erbgut findet, den kein Mensch allein hätte finden können.

Prof. Dr. Julien Gagneur ist Experte für Computational Biology an der Technischen Universität München und unter anderem an der Entwicklung des German Human Genome Archive (GHGA) beteiligt, einer nationalen Infrastruktur für Genomdaten in der Forschung.


Erwachsener

Zwischen 26 und 40 ist das Leben oft sehr trubelig: Beruf, Beziehungen, Familie, Zukunftspläne. Gesundheit läuft häufig einfach nebenher. Bis sie plötzlich alles verändert. Unsere Beispiele zeigen, wie KI 2036 helfen könnte: bei einem Glioblastom, um Therapien gezielter zu wählen, und in der Zahngesundheit, um Risiken früher zu erkennen.

Zahngesundheit: Der Speichel schlägt Alarm

Kein Schmerz, kein Alarm. Parodontitis beginnt still. Das Zahnfleisch zieht sich zurück, es blutet leicht, der Knochen schwindet, und viele merken es erst, wenn Zähne wackeln. 2036 ist das anders. Ein digitaler Zwilling – ein virtueller Nachbau des Mundes – erkennt erste Entzündungsmarker im Speichel, Wochen bevor sich etwas entzündet anfühlt. Die App meldet: erhöhtes Parodontitis-Risiko. Die Zahnärztin sieht das Datenprofil, die KI hat bereits Behandlungsoptionen berechnet. Gemeinsam entscheiden sie sich für eine gezielte Therapie, bevor der Knochen auch nur einen Millimeter verloren hat. Zahnmedizin 2036 wartet nicht. Sie handelt, bevor es nötig wird.

Gesunde Zähne

Parodontitis ist eine Erkrankung am Zahnfleisch. Bei der Krankheit löst sich die Verbindung zwischen Zahnfleisch und Zahn. Bakterien greifen nämlich das Zahnfleisch an. Deshalb entzündet sich das Zahnfleisch und blutet. Die Entzündung wird nicht behandelt? Dann kann sich die Entzündung weiter ausbreiten. Dann zieht sich das Zahnfleisch langsam zurück. Deshalb werden die Zähne locker. Parodontitis entwickelt sich sehr langsam. Deshalb merken viele Menschen die Erkrankung lange nicht.

Im Jahr 2036 ist das vielleicht anders. Dann gibt es vielleicht eine neue Technik. Die Technik heißt: digitaler Zwilling. Ein digitaler Zwilling ist ein Nachbau im Computer. Der digitale Zwilling ist zum Beispiel ein genauer Nachbau vom echten Mund der Person. Der digitale Zwilling kann zum Beispiel frühe Anzeichen von einer Entzündung im Speichel erkennen. Eine App auf dem Handy sagt dann: Die Person hat ein höheres Risiko für Parodontitis.

Der Zahnarzt oder die Zahnärztin kann die Information sehen. Eine KI berechnet dann: Welche Behandlung ist für diesen Patienten möglich? Dann kann der Zahnarzt die Behandlung früh festlegen. Und die Parodontitis schreitet nicht weiter fort.

Zahngesundheit: Der Speichel schlägt Alarm

Anna, 34, ist Projektmanagerin, viel unterwegs und ehrlich gesagt: zu ihrer Zahnärztin geht sie erst, wenn's zieht. Ihr Alltag ist eng getaktet. Morgens Kaffee, mittags Meeting, abends Sport. An Zahnseide denkt sie meistens, außerdem putzt sie morgens und abends mit ihrer smarten Zahnbürste. Eines Morgens erscheint eine Meldung in ihrer Gesundheits-App: eine minimale Entzündungsreaktion im hinteren Bereich des Oberkiefers. Kein Alarm, kein Schmerz. Aber ein Hinweis, dem ihre Zahnärztin nachgehen wird.

Früh erkennen: Wie KI Zahnerkrankungen entdeckt, bevor sie wehtun

Annas Mund hat 2036 einen digitalen Zwilling. Ein virtueller Nachbau, gespeist aus 3D-Scans, Speichelanalysen und den täglichen Daten ihrer intelligenten Zahnbürste. Die KI bewertet diese Daten kontinuierlich, vergleicht sie mit Millionen anderer Profile und erkennt feinste Abweichungen im Zahnfleisch oder Zahnschmelz – lange bevor Anna irgendetwas spürt.

Prof. Dr. Falk Schwendicke, Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und digitale Zahnmedizin des LMU Klinikum München, nennt das die „Virtualisierung des Patienten"". Damit lassen sich Risiken simulieren, bevor sie real werden. „Wir werden Ereignisse vorausahnen und entsprechend präventiver für und zusammen mit unseren Patientinnen und Patienten wirken"", erklärt er. Zahnerkrankungen sind 2036 kein plötzlicher Befund mehr – sondern vorhersehbare, behandelbare Ereignisse.

Besser entscheiden: Wenn KI die Therapieoptionen individuell berechnet

Beim nächsten Termin sieht Annas Zahnärztin nicht nur ein Röntgenbild – sie sieht ein vollständiges Datenprofil. Die KI hat bereits mehrere Behandlungsszenarien simuliert: von einer intensivierten Mundhygiene mit individuell abgestimmten Pflegeprodukten über eine professionelle Tiefenreinigung der Zahnfleischtaschen bis hin zur gezielten Biofilm-Modifikation. Für jede Option berechnet sie Erfolgswahrscheinlichkeit, Heilungsdauer und Langzeitrisiko – zugeschnitten auf Annas individuelle Zahnstruktur, ihr Ernährungsverhalten und ihre Vorgeschichte. Die Zahnärztin bespricht die Optionen mit Anna. Gemeinsam entscheiden sie sich für den schonendsten Weg. Die KI liefert die Grundlage – die Entscheidung bleibt beim Menschen.

Möglich macht das unter anderem das sogenannte Natural Language Processing: KI-Systeme lesen Behandlungsverläufe, Befundberichte und Sprachaufnahmen aus früheren Terminen automatisch aus und verdichten sie zu einem klaren Bild. „In der nächsten Dekade wird die Sprachverarbeitung in der Medizin die nächste Revolution auslösen"", sagt Schwendicke. Nicht weil sie Diagnosen ersetzt, sondern weil sie Informationen zusammenführt, die sonst verstreut blieben.

Gezielt behandeln: Präziser, schonender, persönlicher

Wenn Anna 2036 behandelt wird, arbeitet ihre Zahnärztin mit einem System, das mitdenkt. Eine intelligente Robotereinheit berechnet datengestützt, wie die Prozedur optimal abläuft, und nimmt sie autonom vor. Ein sprachgesteuerter Assistent dokumentiert den Eingriff in Echtzeit, ohne dass jemand tippen muss. Die Zahnärztin hat beide Hände und den Kopf frei für Anna. Das Ergebnis: minimalinvasive Eingriffe, schnellere Heilung, weniger Substanzverlust. Und eine Nachsorge, die ebenfalls datengestützt läuft: Die App erinnert Anna an Kontrolltermine, passt Empfehlungen an ihren Heilungsverlauf an und meldet neue Auffälligkeiten direkt an die Praxis.

Schwendicke ist überzeugt: „Zahnärztinnen und Zahnärzte werden in diesem Prozess nicht überflüssig. Sie müssen diese automatisierten Vorgänge begleiten und weiterhin Verantwortung für jegliche Entscheidungen tragen."" KI ist das Werkzeug – der Mensch bleibt die Instanz. Für Anna bedeutet Zahngesundheit 2036 vor allem eines: Sie muss nicht mehr warten, bis es wehtut. Ihr digitaler Zwilling wacht mit. Ihre Zahnärztin entscheidet.

Prof. Dr. Falk Schwendicke ist Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und digitale Zahnmedizin an der Zahnklinik des LMU Klinikum München.


Hautveränderungen: unter ständiger Beobachtung

Die Haut ist das größte Organ des Menschen und eines der vielfältigsten. Hautkrebs, Psoriasis, Neurodermitis, chronische Wunden oder Allergien stellen Patientinnen und Patienten wie Ärztinnen und Ärzte vor sehr unterschiedliche Herausforderungen. 2036 könnte KI in all diesen Bereichen eine zentrale Rolle spielen. Bei Hautkrebs analysieren KI-gestützte Bildverfahren Hautveränderungen präzise und frühzeitig. Und das mit einer Treffergenauigkeit, die mit der erfahrener Fachärztinnen und Fachärzte vergleichbar ist. Bei chronischen Erkrankungen wie Psoriasis oder Neurodermitis wertet KI Patientenbilder kontinuierlich aus, dokumentiert Krankheitsverläufe über Wochen und schlägt individuelle Therapieanpassungen vor, auch zwischen den Arztterminen und direkt aus dem häuslichen Umfeld. Bei Allergien könnten digitale Systeme Auslöser schneller identifizieren und Behandlungsoptionen gezielter abstimmen. 2036 könnte KI nicht nur die Diagnostik beschleunigen, sondern auch den Zugang zur Versorgung besonders dort verbessern, wo Spezialistinnen und Spezialisten rar sind.

Haut

Die Haut ist das größte Organ des Menschen. Es können viele ganz unterschiedliche Krankheiten an der Haut entstehen. Hautkrankheiten sind zum Beispiel:

Hautkrebs: Bei Hautkrebs wachsen Tumoren in der Haut.

Psoriasis: Bei Psoriasis wird die Haut rot und sie bildet Schuppen.

Neurodermitis: Bei Neurodermitis entstehen trockene Stellen auf der Haut. Die Stellen jucken stark.

chronische Wunden: Bei chronischen Wunden heilen Verletzungen der Haut nicht .

Allergien: Bei einer Allergie reagiert die Haut auf harmlose Dinge wie Metall oder Gummi.

Diese Krankheiten sind belastend für die Patienten. Und nicht alle Ärzte kennen sich mit diesen Krankheiten aus.

Im Jahr 2036 kann die KI das aber vielleicht ändern. Die KI kann vielleicht Hautkrebs früh erkennen. Dafür kann die KI Bilder von der Haut auswerten. Dann kann die KI vielleicht schon früh erkennen: Hat ein Mensch Hautkrebs? Und die KI kann das vielleicht so genau erkennen wie ein Facharzt.

Bei Menschen mit Psoriasis oder Neurodermitis kann die KI vielleicht die Behandlung begleiten. Die KI kann dafür immer wieder Bilder von den Patienten ansehen und auswerten. So kann die KI erkennen: Hilft die Behandlung gegen die Krankheit? Dafür müssen die Menschen dann vielleicht nicht jedes Mal zum Arzt gehen.

Bei Menschen mit Allergien kann die KI vielleicht viel schneller sehen: Wogegen hat ein Mensch eine Allergie? Und die KI kann dann eine Behandlung für die Allergie vorschlagen

In manchen Regionen gibt es vielleicht keine Hautärzte. Patienten mit Hautkrankheiten müssen vielleicht lange zu einem Hautarzt fahren. Im Jahr 2036 kann die KI vielleicht auch Menschen in diesen Regionen /Gegenden helfen. Mit der Hilfe von KI können dann vielleicht auch Hausärzte Menschen mit Hautkrankheiten helfen/behandeln.

Glioblastom: Mehr Qualität im Leben

Das Glioblastom ist einer der aggressivsten Hirntumoren überhaupt: Es wächst schnell, infiltriert das umliegende Hirngewebe und lässt sich nicht vollständig operativ entfernen. Die mittlere Überlebenszeit nach Diagnose liegt bei etwa 15 Monaten. 2036 könnte KI das ändern: nicht durch ein Wundermittel, sondern durch bessere Personalisierung. Die Standardtherapie aus Operation, Strahlentherapie und Chemotherapie folgt heute weitgehend einheitlichen Protokollen, obwohl Patienten sehr unterschiedlich auf dieselbe Behandlung ansprechen. Genau hier könnte KI den entscheidenden Unterschied machen: Molekulare Daten aus Tumorproben verraten, welche Therapie für wen wirklich wirkt. Das bedeutet: Weniger Nebenwirkungen, gezieltere Entscheidungen, ein Monitoring, das Veränderungen erkennt, bevor sie spürbar werden. Die Behandlung bleibt eine Herausforderung, aber die Überlebenschancen können besser werden – vor allem bei besserer Lebensqualität.

Glioblastom

Ein Glioblastom ist eine Art von Krebs. Bei einem Glioblastom wächst ein Tumor im Gehirn. Der Krebs ist sehr gefährlich. Der Krebs wächst nämlich sehr schnell. Der Krebs wächst in das Gewebe des Gehirns. Und man kann den Krebs in einer Operation nicht ganz entfernen. Die Menschen mit diesem Krebs leben nach der Diagnose im Durchschnitt noch 15 Monate.

Heute gibt es eine Standard-Behandlung für den Krebs. Patienten mit einem Glioblastom bekommen immer:

  • eine Operation,
  • eine Strahlentherapie
  • und eine Chemotherapie.

Die Standard-Behandlung ist für alle Menschen gleich. Aber die Behandlung wirkt nicht bei allen Menschen gleich. Die Menschen sind nämlich verschieden.

Im Jahr 2036 ist das vielleicht anders. Im Jahr 2036 nutzen Ärzte KI. Dann können Ärzte die Behandlung vielleicht besser an den einzelnen Patienten anpassen. Die Behandlung ist dann vielleicht besser für diesen Patienten.

Und die KI kann auch Ergebnisse von Untersuchungen auswerten. Aus diesen Ergebnissen bekommt die KI sehr viele Informationen über den Tumor. Dann kann die KI den Ärzten mehr Informationen über den Tumor geben. Die KI kann vielleicht sagen: Welche Behandlung hilft bei welchem Patienten? Dann können die Ärzte besser entscheiden: Welche Behandlung soll der Patient bekommen? Der Patient hat dann vielleicht weniger Nebenwirkungen von der Behandlung.

Die Behandlung eines Glioblastoms bleibt schwierig. Aber die Menschen können vielleicht länger mit der Krankheit leben. Und sie können vielleicht besser mit der Krankheit leben.

Glioblastom: Mehr Qualität im Leben

Jonas ist 34 Jahre alt, Vater einer zweijährigen Tochter und arbeitet als Ingenieur. Als er beginnt, unter anhaltenden Kopfschmerzen und merkwürdigen Wortfindungsstörungen zu leiden, denkt er zunächst an Stress. Dann kommt die Diagnose: Glioblastom – ein bösartiger Hirntumor, der zu den aggressivsten Krebserkrankungen überhaupt zählt. Die mittlere Überlebenszeit nach Diagnose liegt trotz Therapie bei etwa 15 Monaten. Für Jonas beginnt ab diesem Moment ein Wettlauf gegen die Zeit. Und die Frage, die ihn und seine Familie beschäftigt, lautet: Welche Therapie hat die besten Chancen – für ihn, ganz persönlich?

Daten sehen mehr als das menschliche Auge

Eine der größten Herausforderungen in der Krebsmedizin ist die enorme Bandbreite, mit der Patienten auf Therapien ansprechen. Zwei Menschen mit derselben Diagnose können auf dieselbe Behandlung völlig unterschiedlich reagieren – mit gravierenden Folgen für Lebensqualität und Überlebenschancen.

Genau hier setzt die Arbeit von Prof. Dr. Kristian Unger an. An der Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie und Radioonkologie des LMU Klinikums analysiert er sogenannte Omics-Daten: hochkomplexe molekulare Informationen, die aus klinischen Proben wie Tumorgewebe oder Blut gewonnen werden. Sie geben Auskunft darüber, welche Gene aktiv sind, welche Proteine gebildet werden – und wie ein Tumor auf molekularer Ebene wirklich tickt.

„Die schiere Komplexität dieser Daten lässt sich mit klassischen statistischen Methoden nur in sehr begrenztem Maße erfassen"", erklärt Unger. KI-gestützte Verfahren hingegen können Muster in diesen Datensätzen erkennen, die durch das menschliche Auge überhaupt nicht erkennbar wären – und daraus Vorhersagemodelle ableiten, die das individuelle Ansprechen auf eine Krebstherapie prognostizieren.

Ohne KI läuft dieser Prozess heute weitgehend erfahrungsbasiert ab: Ärztinnen und Ärzte orientieren sich an klinischen Merkmalen des Tumors, an Studiendaten aus großen Patientengruppen – und treffen Therapieentscheidungen, die gut begründet, aber selten wirklich individuell sind.

Besser entscheiden: Die richtige Therapie für den richtigen Patienten

Für Jonas bedeutet das konkret: Im Jahr 2036 könnte sein Tumor nicht nur histologisch, sondern molekular vollständig charakterisiert werden. Ein KI-Modell analysiert seine Omics-Daten und ordnet ihn einer Patientengruppe zu – nicht nach allgemeinen Risikoklassen, sondern nach seinem spezifischen molekularen Profil. Das Modell sagt vorher, wie sein Tumor auf Strahlentherapie, Chemotherapie oder eine Kombination aus beidem ansprechen wird.

„Ein zentrales Ziel dieser Modelle ist die sogenannte Therapie-Deeskalation: Das bedeutet, eine Behandlung bewusst weniger intensiv zu gestalten“, erklärt Unger. „Also zum Beispiel auf eine Chemotherapie zu verzichten, obwohl sie nach gängigen klinischen Kriterien eigentlich vorgesehen wäre.“ Das klingt zunächst kontraintuitiv, macht aber Sinn, wenn man weiß: Nicht jeder Patient, der formal als Hochrisiko eingestuft wird, braucht auch die aggressivste Therapie. So kann man ihm die Belastungen einer Chemotherapie ersparen – ohne seine Heilungschancen zu verschlechtern. „Damit verringern wir zumindest nicht die Lebensqualität dieser Patienten"", so Unger. Die Zeit, die den Patienten und Patientinnen verbleibt, wird so zumindest nicht durch kräftezehrende Therapien belastet.

Gezielt behandeln: Monitoring, das mitdenkt

KI endet für Unger nicht bei der Diagnose. Im BMFTR-Forschungsprojekt KardioRad geht es um die Vorhersage herzbedingter Komplikationen nach Strahlentherapie, etwa bei Lungen- oder Brustkrebs. Daten aus Smartwatches, EKGs und sogenannten Patient Reported Outcome Measures – also Selbstauskünften der Patienten über ihren Gesundheitszustand – fließen in ein integriertes Frühwarnsystem ein.

„Über Basismodelle, in die Millionen von EKGs eingeflossen sind, lassen sich, in Kombination mit anderen klinischen Daten, Muster erkennen, die durch das menschliche Auge überhaupt nicht erkennbar wären"", erklärt Unger. Schlägt das System an, wird der Patient frühzeitig zum Kardiologen eingeladen oder engmaschig begleitet.

Dieses Prinzip – kontinuierliches, KI-gestütztes Monitoring über den gesamten Behandlungsverlauf – ist auch für die Glioblastom-Therapie der Zukunft denkbar. Statt auf Symptome zu warten, könnten Veränderungen im Krankheitsverlauf frühzeitig erkannt und die Therapie entsprechend angepasst werden. Heute hingegen sind Kontrolluntersuchungen zeitlich getaktet und reaktiv: Man wartet auf Beschwerden oder auffällige Bildgebungsbefunde und handelt dann.

Für Jonas bedeutet die Medizin des Jahres 2036 keine Garantie auf Heilung. Das Glioblastom bleibt eine der ungünstigsten Diagnosen, die ein Mensch erhalten kann. Aber es bedeutet: mehr Zeit. Zeit, um seine Tochter aufwachsen zu sehen. Zeit, die nicht durch unnötige Behandlungen aufgezehrt wird. Eine Therapie, die wirklich zu ihm passt – und ein System, das ihn dabei nicht allein lässt.

Prof. Dr. Kristian Unger leitet an der Klinik und Poliklinik Strahlentherapie der LMU München Forschungsprojekte zur KI-gestützten Krebstherapie. Als OMICS-Experte ist er am Leuchtturm „Omics und Liquid Biopsy"" des Bayerischen Krebsforschungszentrums (BZKF) beteiligt.


Älterer Erwachsener

Zwischen 41 und 60 wird Gesundheit immer präsenter – erste Warnzeichen nehmen wir ernster. Im Jahr 2036 könnte KI helfen, Krebs früher zu erkennen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen besser zu verhindern – von Eierstockkrebs bis Schlaganfall und Infektionen.

Eierstockkrebs: Im Wettlauf gegen die Zeit

Eierstockkrebs hat unter den Krebserkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane die schlechteste Prognose. Er bleibt lange unbemerkt bleibt, und wenn die Diagnose fällt, ist der Tumor meist schon weit fortgeschritten. Was dann folgt, ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Welche Therapie passt zu diesem Tumor, zu dieser Frau, zu diesem Moment der Erkrankung? 2036 könnte eine KI diese Frage in Sekunden beantworten. Sie hätte viel mehr Fallverläufe gelesen, als Menschen es könnten, internationale Studien ausgewertet, Resistenzmechanismen erkannt, die kein Mensch allein hätte sehen können. Sie zeigt, was möglich ist. Und das nicht nur an Universitätskliniken, sondern überall: in der Kleinstadt, in der Gemeinschaftspraxis, beim niedergelassenen Onkologen. Eine Medizin, die so präzise ist wie heute nur an wenigen Orten – und so zugänglich, wie sie sein sollte.

Eierstockkrebs

Eierstockkrebs ist ein sehr gefährlicher Krebs. Bei Eierstockkrebs wachsen Tumoren in den Eierstöcken einer Frau. Die Eierstöcke gehören zu den Geschlechtsorganen. In den Eierstöcken entstehen die Eizellen.

Viele Frauen bemerken Eierstockkrebs nicht. Oder sie bemerken die Krankheit erst spät. Der Krebs ist dann schon weit fortgeschritten. Deshalb lässt sich der Krebs dann nicht gut behandeln. Deshalb sterben viele Frauen an der Krankheit.

Im Jahr 2036 kann eine KI vielleicht Frauen mit Eierstockkrebs helfen. Die KI kann dann viele verschiedene Informationen sammeln. Die KI kann zum Beispiel die Krankheitsverläufe von Millionen anderer Frauen mit Krebs lesen. Und die KI kann viele Studien über Krebs aus verschiedenen Ländern auswerten. So kann die KI vielleicht schnell herausfinden: Welche Behandlung passt zu der Frau? Und welche Behandlung passt zu dem Tumor dieser Frau?

Vielleicht gibt es diese KI im Jahr 2036 nicht nur in großen Universitätskliniken. Vielleicht gibt es diese KI dann auch in kleinen Städten. Dann können alle Menschen die gleiche Hilfe bekommen.

Eierstockkrebs: Im Wettlauf gegen die Zeit

Sabine, 52, hat den Satz noch im Ohr: „Wir haben alle Standardtherapien ausgeschöpft.“ Zwei Jahre Chemotherapie, unzählige Untersuchungen – und doch wuchs der Tumor weiter. Eierstockkrebs ist tückisch: 80 Prozent der Fälle werden erst entdeckt, wenn er sich schon ausgebreitet hat. An diesem Punkt beginnt Sabines Geschichte – und die einer neuen Form von Medizin.

Früh erkennen: KI verbindet, was Menschen trennt

Was Sabine im Jahr 2036 erwartet, gibt es in Ansätzen bereits heute – an wenigen spezialisierten Zentren, noch auf Studienbasis, noch nicht für alle. An der Technischen Universität München (TUM) etwa läuft seit einigen Jahren ein molekulares Tumorboard: Ärztinnen und Ärzte analysieren dort in einer Art Konferenz gemeinsam das genetische Profil eines Tumors und suchen nach Therapien, die genau zu diesem Profil passen. Bisher ein aufwendiger Prozess: Dutzende Datenbanken mussten manuell durchforstet werden.

„Früher berieten wir im Tumorboard drei, vier Stunden an einer einzelnen Patientin. Heute kann das KI-System diese Recherche in Sekunden leisten"", sagt Prof. Dr. Jacqueline Lammert, Oberärztin für Gynäkologische Präzisionsonkologie an der TUM. 2036 könnte das, was heute noch Ausnahme ist und im Rahmen von Studien angewendet wird, zum Standard geworden sein: Die KI analysiert, welche Mutationen Sabines Tumor antreiben, gleicht sie mit zehntausenden Fällen ab und schlägt passende Therapieoptionen vor.

Besser entscheiden: Das kollektive Gedächtnis der Medizin

Im Tumorboard diskutieren Onkologinnen, Pathologen und Informatiker jede Empfehlung, die die KI berechnet hat. Es ist eine Allianz, keine Konkurrenz. „KI ersetzt nicht die Expertise der Ärztinnen und Ärzte – sie hilft uns, Optionen zu sehen, die wir sonst übersehen hätten“, sagt Lammert.

Gerade bei seltenen Tumorarten oder komplizierten Rückfällen greift das System auf große Datensätze zurück – aus anonymisierten Fallverläufen, Studienprotokollen, internationalen Leitlinien. So entsteht ein kollektives Gedächtnis der Medizin, das Entscheidungsspielräume sichtbar macht. Sabines Ärztin könnte 2036 gezielt nach einer Therapie suchen, die genau zu ihrem Biomarkerprofil passt. Jedes Tumorboard, also die Tumorkonferenz der Ärzte und Ärztinnen, wäre auch ein Training für das System und kreierte Wissen, das beim nächsten Fall wieder hilft.

Gezielt behandeln: Der digitale Zwilling lernt mit

Bereits heute forscht Lammerts Team an GO Twin: einem KI-System, das auf den Daten von über 3000 Patientinnen mit Eierstockkrebs basiert. Es erstellt für jede Patientin ein digitales Abbild ihrer Erkrankung – den sogenannten digitalen Zwilling. Aus klinischen Berichten, Radiologie- und Pathologiebildern, genetischen Profilen und Therapieverläufen entsteht ein Modell, das Simulationen erlaubt: Welche Kombination könnte das Tumorwachstum stoppen? Welche Resistenzmechanismen drohen?

„Wir konnten über GO Twin einen Resistenzmechanismus entdecken, den wir in einzelnen Datenquellen nie gesehen hätten“, sagt Lammert. Auf Grundlage dieser Erkenntnis soll eine neue klinische Studie starten. 2036 könnte ein solcher digitaler Zwilling für Sabine selbstverständlich sein und ihre Therapie nicht nur begleiten, sondern maßgeblich gestalten.

KI bringt Wissen dorthin, wo es gebraucht wird

Schon heute kommen 40 Prozent der Fälle in Lammerts Tumorboard aus anderen Regionen Deutschlands. Ärzte und Ärztinnen senden digitale Daten, die Patientinnen bleiben wohnortnah in Behandlung.

„Ich finde es besonders wichtig, dass personalisierte Medizin kein Standortvorteil bleibt, sondern in die Fläche kommt“, betont Lammert. Genau daran arbeitet das neue Projekt Violett: Ein KI-Agentensystem, das Therapieleitlinien maschinenlesbar macht und klinische Entscheidungen unterstützt; auch dort, wo keine Universitätsklinik in der Nähe ist. Bereits 2031 soll es in städtischen Krankenhäusern, kleinen kommunalen Häusern und Praxen erprobt sein.

Damit wird ein Ziel sichtbar, das weit über Sabine hinausweist: Dass die Chancen einer Präzisionsmedizin nicht davon abhängen, wo man lebt, sondern welches Wissen verfügbar ist. Sabine könnte 2036 ein Medikament erhalten, das ursprünglich für eine andere Krebsart zugelassen war, ausgewählt auf Basis ihres genetischen Profils und der Simulationen ihres digitalen Zwillings. Sie wüsste, dass es kein Wundermittel ist. Aber es könnte die Krankheit stabil halten. Und zum ersten Mal seit Jahren bliebe Zeit: für Spaziergänge, für Pläne. „Es geht nicht darum, Wunder zu versprechen"", sagt Lammert. „Sondern darum, jede Therapie so zu gestalten, dass sie zu dieser Frau passt.“

Prof. Dr. Jacqueline Lammert ist Oberärztin für Gynäkologische Präzisionsonkologie am TUM-Klinikum und leitet die Forschungsgruppe KI in der Frauengesundheit am Institut für KI und Informatik in der Medizin der Technischen Universität München.


Bauchspeicheldrüsenkrebs: Minimale Veränderungen erkennen, um Leben zu retten

Bauchspeicheldrüsenkrebs gehört zu den tückischsten Tumoren überhaupt – oft bleibt er lange unentdeckt, weil frühe Symptome fehlen. Die Diagnose wird häufig erst spät gestellt. Künstliche Intelligenz könnte das ändern: Durch die Kombination von Blutwerten, Bildgebungsdaten und genetischen Mustern erkennt sie minimale Veränderungen, die auf einen entstehenden Tumor hindeuten – Wochen oder Monate, bevor erste Beschwerden auftreten. Für Ärztinnen und Ärzte eröffnet das neue Chancen, frühzeitig einzugreifen und Behandlungen individuell anzupassen. KI könnte so helfen, Risikopatientinnen und -patienten regelmäßiger und gezielter zu überwachen – und die kostbare Zeit zu gewinnen, die bisher verloren geht.

Bauchspeicheldrüsenkrebs

Manche Menschen haben Bauchspeicheldrüsenkrebs. Bei Bauchspeicheldrüsenkrebs wächst ein Tumor in der Bauchspeicheldrüse. Die Bauchspeicheldrüse ist ein Organ im Bauch. Die Bauchspeicheldrüse produziert Verdauungssaft. Die Bauchspeicheldrüse produziert aber auch wichtige Hormone. Bauchspeicheldrüsenkrebs ist sehr gefährlich. Die Betroffenen merken die Krankheit am Anfang oft nicht. Deshalb gehen sie erst spät zum Arzt. Dann ist der Krebs meist schon fortgeschritten. Deshalb kann der Krebs dann vielleicht nicht mehr behandelt werden.

Im Jahr 2036 ist das vielleicht anders. Vielleicht kann KI dann Bauchspeicheldrüsenkrebs schon früher finden. Die KI kann nämlich viele Informationen auswerten. Solche Informationen sind zum Beispiel:

Informationen aus dem Blut

Röntgenbilder von der Bauchspeicheldrüse. Röntgenbilder entstehen bei einer Röntgenuntersuchung. Dabei werden Röntgenstrahlen durch den Körper gesendet. Die Strahlen erzeugen ein Bild vom Inneren des Körpers.

Informationen über die Gene. Die Gene sind die Bausteine des Menschen.

Die KI kann schon ganz kleine Veränderungen sehen. Vielleicht hat der Mensch noch keine Beschwerden. Aber die KI kann den Krebs schon in den Informationen sehen. Dann kann die KI den Ärzten Bescheid sagen. Ärzte können dann früher mit einer Behandlung anfangen. Und sie können die Behandlung besser an den einzelnen Menschen anpassen. Das ist besonders gut für Menschen mit einem hohen Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Herz- und Kreislauferkrankungen: Sternstunde der Wearables

Im Jahr 2036 erkennt Künstliche Intelligenz selbst kleinste Anzeichen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – ob beginnende Herzschwäche, Bluthochdruck oder Rhythmusstörungen – lange bevor sie Beschwerden verursachen. Sie wertet kontinuierlich Daten aus Wearables, Blutdrucksensoren und ärztlichen Untersuchungen aus und gleicht sie mit Millionen ähnlicher Fälle ab. So kann sie präzise davor warnen, wenn sich Risiken häufen, und personalisierte Therapieempfehlungen geben. Gleichzeitig entlastet KI medizinisches und pflegerisches Personal von administrativen Aufgaben und verbessert den Informationsfluss zwischen Klinik, Hausarztpraxis und Patientinnen und Patienten. Durch diese Kombination aus Prävention, Diagnoseunterstützung und smarter Überwachung erhalten Betroffene mehr Sicherheit, Zeit und Kontrolle über ihre Herzgesundheit.

Herz & Kreislauf

Im Jahr 2036 kann die KI Krankheiten am Herzen vielleicht früh erkennen. Krankheiten am Herzen sind zum Beispiel:

  • Herzschwäche: Bei einer Herzschwäche pumpt das Herz zu schwach.
  • Bluthochdruck: Bei Bluthochdruck fließt das Blut ständig mit zu hohem Druck durch den Körper. Das belastet den Körper stark.
  • Rhythmusstörungen: Bei Rhythmusstörungen schlägt das Herz zu schnell. Oder das Herz schlägt zu langsam. Manchmal schlägt das Herz nicht regelmäßig.

Im Jahr 2036 kann die KI Herzkrankheiten vielleicht erkennen, bevor Betroffene Beschwerden haben. Die KI kann viele Informationen auswerten. Die Informationen kommen zum Beispiel von:

  • Wearables: Wearables sind Geräte wie elektronische Uhren oder Armbänder. Sie können zum Beispiel den Blutdruck oder den Puls messen.
  • Blutdrucksensoren: Blutdrucksensoren messen den Blutdruck.
  • Untersuchungen beim Arzt: Die Informationen sind zum Beispiel von einer Blutuntersuchung oder von einem Ultraschall.

Die KI vergleicht dann die Informationen mit sehr vielen Informationen von anderen Patienten. So kann die KI schnell und sicher sagen: Hat die Person ein hohes Risiko für eine Herzkrankheit? Und die KI kann sagen: Was kann die Person gegen die Krankheit machen?

Die Künstliche Intelligenz hilft im Jahr 2036 vielleicht auch den Ärzten und dem Pflegepersonal. Die KI kann dann vielleicht viele Aufgaben übernehmen. Zum Beispiel kann die KI dann selbstständig Informationen zwischen dem Krankenhaus und dem Hausarzt austauschen. Oder die KI tauscht Informationen zwischen dem Krankenhaus und dem Betroffenen aus. So haben Ärzte und Pfleger mehr Zeit. Sie können sich dann besser um die Patienten kümmern.

Herz- und Kreislauferkrankungen: Sternstunde der Wearables

Sabine, 52 Jahre, ist Abteilungsleiterin in einem mittelständischen Unternehmen, liebt klare Abläufe – und ignoriert gern die kleinen Warnsignale ihres Körpers. Seit Wochen fühlt sie sich erschöpft, manchmal sticht es in der Brust, und doch schiebt sie Termine und Verantwortung vor.

Im Jahr 2036 hat Sabine ein digitales Gesundheitskonto, das ihre Daten aus Uhr, Blutdrucksensor und Routine-Check-ups miteinander verknüpft. Die Aufzeichnungen ihres Wearables zeigen subtile Veränderungen: leicht erhöhte Herzfrequenz in Ruhephasen, minimale Gewichtszunahme, einen unregelmäßigen Puls. Eine medizinische KI gleicht diese Daten mit Millionen anderer Profile ab und erkennt früh ein mögliches Risiko für eine Herzinsuffizienz. Noch bevor Sabine Symptome spürt, meldet ihr System: „Bitte einen Kontrolltermin vereinbaren.“

Früh erkennen: Wie KI das Problem entdeckt, bevor es gefährlich wird

„KI-Modelle könnten Patientinnen und Patienten mit erhöhtem Risiko identifizieren, etwa für koronare Herzerkrankungen. Sie werden so frühzeitig zu Untersuchungen geschickt, und wenn man vulnerable Plaques, also entzündliche Fettablagerungen in den Arterien, findet, lässt sich rechtzeitig eine Therapie beginnen – zum Beispiel mit Cholesterinsenkern, Plättchenhemmern oder invasiven Verfahren wie Stents, um einen Herzinfarkt zu verhindern“, sagt Clemens Scherer, der an der Medizinischen Klinik und Poliklinik I der LMU München zu KI und Herz- & Kreislauferkrankungen forscht.

Der Vorteil bei der Früherkennung durch KI liegt in der kontinuierlichen Musteranalyse. Die KI erkennt Trends, die für den Menschen unsichtbar wären. Kliniken nutzen ein sogenanntes „Federated Learning“ – also ein vernetztes Lernen aus verschlüsselten Daten vieler Zentren. So wird das System ständig genauer, ohne dass Patientendaten zentral gesammelt werden müssen.

Heute entdeckt der Hausarzt Bluthochdruck oder Rhythmusstörungen meist erst bei Routineuntersuchungen oder wenn Beschwerden auftreten. Dann sind ggf. schon Schäden im Körper entstanden. Viele Risikopatientinnen bleiben unbemerkt, bis der erste klinische Zwischenfall geschieht.

Besser entscheiden: Wie KI bei der Therapie unterstützt

Sabines Arzt erhält den Hinweis des Systems und lässt ein KI-gestütztes Herzultraschall durchführen. Auf dem Monitor sieht Sabine, wie die Software in Echtzeit das Pumpverhalten ihres Herzens analysiert. Zusätzlich werden automatisiert weitere Parameter erhoben, die für die Therapie und Prognose entscheidend sind. Für sie ist das zunächst ungewohnt – früher hätte sie wochenlang auf den Arztbrief warten müssen. Nun bekommt sie unmittelbar eine verständliche Übersicht ihrer Werte. KI und Arzt identifizieren gemeinsam mögliche Ursachen wie eine beginnende koronare Herzkrankheit und besprechen, welche Therapien am besten zu ihrem Lebensstil passen.

Das Entscheidende: Die KI dient nicht als Ersatz, sondern als Navigationshilfe. Ärztinnen und Ärzte bleiben die letzte Instanz. Doch mit den neuen Tools können sie schneller und gezielter prüfen, welche Therapie individuell optimal ist – etwa welches Medikament Sabine gut verträgt oder welche Untersuchungen wirklich nötig sind. So sinkt das Risiko, entscheidende Details zu übersehen, und Sabine versteht ihre Behandlung besser.

Heute stützen sich Entscheidungen auf Leitlinien und Erfahrung. Individuelle Prognose- und Therapieabschätzungen sind kaum realisierbar, weil dazu Millionen Daten analysiert werden müssten. Das erledigt in Zukunft die KI in Sekunden.

Gezielt behandeln: Wenn Präzision Leben rettet

Nach der Untersuchung bekommt Sabine eine Therapieempfehlung: eine leichte Anpassung ihrer Blutdruckmedikamente und ein digitales Programm zur täglichen Herzüberwachung. Ihre Uhr misst Blutdruck, Puls und Gewicht, die Werte fließen automatisch in ihr Patientenkonto. Die KI erkennt kleinste Veränderungen – etwa eine unregelmäßige Herzfrequenz – und schlägt eine Rücksprache mit dem Arzt vor. Sabine erhält eine freundliche Benachrichtigung auf ihrem Display: „Nehmen Sie bitte heute eine zusätzlich Blutdrucktablette ein, da ihr Blutdruck zu hoch ist.“

Auch im Krankenhaus überwacht eine KI im Hintergrund unzählige Vitaldaten anderer Patientinnen und Patienten und schlägt Alarm, wenn sich kritische Werte abzeichnen. Damit lassen sich Klinikaufenthalte und Sterblichkeit deutlich senken, wie aktuelle Studien zeigen. Sabine weiß, dass die Technik ihr Sicherheit gibt – sie muss nicht mehr auf Symptome warten, um zu handeln.

Im jetzigen System reagieren Teams erst, wenn Beschwerden stärker werden. Ärztinnen und Pfleger müssen Daten manuell prüfen. Künftig erkennt KI Unregelmäßigkeiten selbstständig – und verschafft Sabines Ärztin mehr Zeit für Gespräche, Anpassungen und Motivation.

Ausblick: Mensch und Maschine im Zusammenspiel

2036 ist Künstliche Intelligenz in der Kardiologie längst alltäglich. Sie entlastet Sabines Ärztin von Bürokratie, hilft, Diagnosen präzise zu stellen und Therapien zu optimieren. Doch das Wichtigste bleibt der menschliche Kontakt – davon ist auch Experte Scherer vom LMU-Klinikum überzeugt: „KI kann Prozesse beschleunigen und Therapien verbessern. Aber sie kann nicht die ärztliche Einordnung, Verantwortung und Empathie ersetzen. Für die ärztliche Kommunikation bleibt sie ein Werkzeug – nicht der Ersatz.“

Sabine schätzt, dass sie ihre Gesundheit heute aktiver mitgestalten kann. „Wenn uns KI von administrativen Aufgaben entlastet, bleibt mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten“, betont Scherer. Für Sabine heißt das: mehr Gespräche, weniger Wartezeiten.

Sabines Alltag hat sich mit der neuen Technologie spürbar verändert: Sie lebt bewusster, fühlt sich eingebunden und hat das gute Gefühl, dass ihr Herz auch zwischen zwei Terminen nicht allein bleibt.

Priv.-Doz. Dr. med. Clemens Scherer ist Oberarzt an der Medizinischen Klinik und Poliklinik I, die zum LMU Klinikum München gehört.


Schlaganfall: Mit datengestützter Früherkennung Leben retten

270.000 Menschen erleiden in Deutschland jedes Jahr einen Schlaganfall. Von der plötzlich einsetzenden Funktionsstörung des Gehirns sind vor allem ältere Menschen betroffen. Die Altersgruppe ab 60 Lebensjahren erleidet fast 80 Prozent aller Schlaganfälle. Doch auch rund 30.000 Menschen unter 55 Jahren sind betroffen – mit teils drastischen Folgen für ihren Alltag. Durch Künstliche Intelligenz wird es in naher Zukunft möglich sein, Schlaganfallrisiken zu identifizieren, bevor Symptome auftreten. KI kombiniert Sensordaten, erstellt individuelle Risikoprofile und ermöglicht personalisierte Prävention. Für Personen mit erhöhtem Schlaganfall-Risiko bedeutet das: nicht mehr reagieren, sondern rechtzeitig handeln – mit Ärzten, die auf datengestützte Früherkennung vertrauen.

Schlaganfall

Jedes Jahr haben 270.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Bei einem Schlaganfall bekommt das Gehirn plötzlich nicht mehr genug Blut. Dann kann das Gehirn nicht mehr richtig arbeiten. Das kann verschiedene Symptome verursachen. Betroffene Personen können vielleicht einen Arm nicht mehr bewegen. Oder ein Körperteil fühlt sich plötzlich taub an. Ein Schlaganfall ist sehr gefährlich. Und ein Schlaganfall kann das Leben von den Menschen sehr ändern.

Ein Großteil der Menschen mit einem Schlaganfall ist über 60 Jahre alt. Aber auch jüngere Menschen können einen Schlaganfall bekommen. 30.000 Menschen mit einem Schlaganfall sind unter 55 Jahren alt.

Im Jahr 2036 kann eine KI vielleicht früh erkennen: Hat jemand ein hohes Risiko für einen Schlaganfall? Die KI kann viele Daten sammeln und auswerten. Die KI kann zum Beispiel den Blutdruck und den Herzschlag auswerten. Dann kann die KI sagen: Wer hat ein hohes Risiko für einen Schlaganfall? Und die KI kann vielleicht sagen: Wann hat die Person einen Schlaganfall? So kann die KI die Menschen warnen. Und die Menschen mit einem hohen Risiko können früh etwas gegen einen Schlaganfall tun. Ärzte können den Menschen mit diesen Informationen auch gezielt helfen.

Schlaganfall: Mit datengestützter Früherkennung Leben retten

Sebastian ist 55. Er weiß, dass er gesünder leben könnte. Mehr Sport, gesünderes Essen, weniger Alkohol täten ihm gut. Und dass er ein paar Kilos zu viel auf die Waage bringt, sieht man ihm an. Dennoch denkt er selten über seine Gesundheit nach – bis an einem Sommermorgen im August 2036 eine Benachrichtigung auf seiner Smartwatch erscheint – dezent, aber eindringlich: „Auffälliges Durchblutungsmuster – bitte Kontakt mit Hausarzt aufnehmen.“

Früh erkennen: den Notfall vorausahnen

Was Sebastian nicht weiß: Hinter dieser Meldung arbeitet eine lernende KI, die Vitaldaten, Herz-Aktivität und Blutdruckmuster von Millionen Menschen analysiert. „KI kann helfen, den Zeitpunkt eines Schlaganfalls präzise zu bestimmen“, erklärt der Informatiker Prof. Daniel Rückert, der an der TU München die Professur für Artificial Intelligence in Healthcare und Medicine innehat. „Das ist entscheidend, um sofort die richtige Therapie einzuleiten.“

Bald tritt der Ernstfall ein: Eines Nachts spürt Sebastian Taubheitsgefühle – seine KI-App auf der Smartwatch schlägt Alarm, der Notarzt wird gerufen und die relevanten Patientendaten vorbereitet. Rückert betont: „KI kann radiologische Aufnahmen in wenigen Minuten analysieren und so auch in kleineren Krankenhäusern ohne entsprechendes Fachpersonal hochwertige Diagnosen ermöglichen.“

Besser entscheiden: lebensrettende Entscheidungen in kürzester Zeit treffen

Im Krankenhaus läuft alles koordiniert. Noch bevor die Ärztin den Monitor betrachtet, hat die KI die MRT-Bilder analysiert, den mutmaßlichen Zeitpunkt des Infarkts datiert und Therapieoptionen markiert. Die Entscheidung fällt gemeinsam: Thrombektomie, also die operative Entfernung des Blutgerinnsels, innerhalb des optimalen Zeitfensters.

Wo heute Minuten über bleibende Schäden entscheiden, sorgt 2036 ein Zusammenspiel aus Mensch und Maschine für Tempo – und für Sicherheit. Rückert zieht gerne den Vergleich: „Das lässt sich gut mit dem selbstfahrenden Auto vergleichen: Es unterstützt zunächst den Menschen und wird nach und nach eigenständiger.“

Rehabilitation: Lernen mit lernenden Systemen

Nach der Akutphase beginnt für Sebastian ein neues Kapitel: die Rückkehr ins Leben. Seit dem Schlaganfall kämpft Sebastian mit einem unsicheren Gang und Momenten, in denen sein Bein einfach nicht so will wie er möchte. Manchmal fällt es ihm auch schwer, die richtigen Worte zu finden. Frühzeitig übernimmt ein KI‑gestütztes Rehabilitationssystem die Planung seiner Übungen. Bewegungssensoren an Armen und Beinen zeichnen jede Trainingseinheit auf, die KI erkennt Fortschritte und passt Intensität und Dauer automatisch an. „Besonders vielversprechend sind KI‑gestützte Robotiksysteme, die Patient:innen beim Training nach einem Schlaganfall unterstützen“, erklärt Rückert. „Sie helfen, Bewegungen oder Sprachfähigkeiten wiederzuerlernen – auch dort, wo therapeutische Kapazitäten begrenzt sind.“

Sebastians digitales Trainingsprogramm lernt mit: Nach jeder Einheit erhält er Feedback, kleine Erfolgsmeldungen und neue Ziele. So wird Reha zu einer motivierenden Lernkurve anstelle monotoner Wiederholung. Nach einigen Monaten kann Sebastian wieder selbstständig gehen; seine Fortschritte fließen anonymisiert in das Lernsystem ein. Durch die Analyse seiner Daten sollen auch künftige Patienten von den Erkenntnissen profitieren und besser unterstützt werden.

Gezielt behandeln: Wenn Vorsorge rechtzeitig ansetzt

Zehn Wochen später haben sich Sebastians Werte verbessert. Die KI registriert den Trend, passt Empfehlungen fortlaufend an und erkennt, dass das Risiko für einen weiteren Schlaganfall deutlich gesunken ist. Für Professor Rückert von der TU München ist das kein Zukunftstraum, sondern eine logische Weiterentwicklung: „Wir müssen weg von pauschaler Prävention hin zu echter, personalisierter Gesundheitsvorsorge.“ KI kann Risiken sichtbar machen, bevor sie Schaden anrichten und Menschen zu einem Wechsel im Lebensstil motivieren, weil sie ihr eigenes Risiko verstehen.

Ausblick: Von der Reaktion zur Prävention

Wenn Sebastian heute an seinen Gesundheitsassistenten denkt, spürt er Dankbarkeit. 2036 ist die Schlaganfallmedizin nicht mehr nur im Krankenhaus, sondern am Handgelenk: mit Systemen, die zuhören, lernen und rechtzeitig warnen.

Quelle: Interview mit Prof.  Dr.  Daniel  Rückert, Technische Universität  München, 2026.


Infektionen: mehr Aufmerksamkeit für das Unscheinbare

Fieber, Husten, Abgeschlagenheit: Infektionen klingen oft harmlos. Doch ab dem mittleren Lebensalter können sie gefährlicher werden, als sie zunächst wirken. Sie können schwerer verlaufen, sind schwerer zu erkennen, mit Folgen für Herz, Kognition und Selbstständigkeit. Im Jahr 2036 könnte KI das ändern. Nicht durch ein Wundermittel, sondern durch Aufmerksamkeit. Systeme, die Laborwerte kontinuierlich überwachen, unspezifische Symptome früh einordnen und Hausärztinnen und Hausärzte mit dem Wissen von Spezialistinnen ausstatten. Für Menschen weit vom nächsten Infektiologen entfernt könnte das den entscheidenden Unterschied machen.

Infektionen

Manchmal bekommen Menschen eine Infektion. Das bedeutet: Viren oder Bakterien verursachen eine Krankheit. Die Menschen haben dann zum Beispiel Fieber oder Husten. Manche Menschen fühlen sich dann müde und schwach.

Infektionen sind oft harmlos. Aber bei Menschen ab 40 Jahren können Infektionen auch gefährlich werden. Die Infektion ist dann schwerer zu erkennen. Und die Infektion kann schwerer verlaufen. Dann schadet die Infektion zum Beispiel auch dem Herzen und dem Gehirn. Betroffene Personen brauchen nach der Infektion vielleicht mehr Hilfe im Alltag als vorher.

Im Jahr 2036 ist das vielleicht anders. Dann kann vielleicht eine KI helfen. Die KI kann zum Beispiel viele verschiedene Informationen über den Patienten auswerten. Die KI kann zum Beispiel die Laborwerte auswerten. Und die KI kann Informationen über frühere Erkrankungen sehen. Dann kann die KI die Beschwerden des Patienten einordnen. Die KI kann auch das Wissen von Fachärzten an Hausärzte weitergeben. Vielleicht gibt es keinen Facharzt für Infektionskrankheiten in der Nähe eines Menschen. Dann können die Informationen von der KI für den Hausarzt wichtig sein. Dann kann der Hausarzt den Patienten helfen.

Infektionen: mehr Aufmerksamkeit für das Unscheinbare

Klaus ist 58 Jahre alt, Schreiner, körperlich fit – und seit einer Woche nicht mehr er selbst. Er schläft schlecht, ist ungewöhnlich müde, hat leichtes Fieber. Sein Hausarzt untersucht ihn, findet nichts Auffälliges, schreibt ihm ein Antibiotikum auf. Zwei Wochen später sitzt Klaus wieder in der Praxis. Das Fieber ist weg, aber er fühlt sich noch immer nicht wieder richtig gut. Irgendwas stimmt nicht.

Was Klaus nicht weiß: Solche Verläufe sind in der Infektiologie häufiger, als man denkt. Infektionskrankheiten gehören zu den häufigsten Todesursachen im Alter. Ab dem mittleren Lebensalter nehmen Häufigkeit und Schwere fast aller bakteriellen Infektionen zu: Lungenentzündungen, Harnwegsinfektionen, Haut- und Weichteilinfektionen. Sie sind der häufigste Grund für Krankenhauseinweisungen bei Menschen über 65 Jahren und machen dort rund 30 Prozent aller Aufnahmen aus. Und sie verlaufen anders als bei Jüngeren. Oft ohne die typischen Warnsignale, dafür mit Folgen für Kognition, Mobilität und Selbstständigkeit.

Das Problem beginnt häufig schon bei der Diagnose.

Früh erkennen: Wie erkennt KI das Problem, bevor es schlimmer wird?

Im Jahr 2036 könnte Klaus‘ Hausärztin beim ersten Termin auf ein System zurückgreifen, das still im Hintergrund mitdenkt. Während sie mit Klaus spricht, läuft eine KI, die seine Laborwerte, Vitalzeichen und Krankengeschichte kontinuierlich auswertet und Muster erkennt, die im Alltag einer gut ausgelasteten Praxis leicht übersehen werden.

Unspezifische Symptome sind das Kernproblem der Infektiologie im mittleren und höheren Lebensalter. Fieber, Abgeschlagenheit, leichte Verwirrtheit: Das klingt nach vielem. Die KI könnte helfen, aus dieser Unschärfe ein klareres Bild zu formen. Welche Kombination aus Symptomen, Vorerkrankungen und Laborwerten deutet auf eine Lungenentzündung hin? Welche auf eine beginnende Sepsis, also eine lebensbedrohliche Überwältigungsreaktion des Körpers auf eine Infektion? Und wann ist ein einfaches Antibiotikum ausreichend, wann braucht es mehr?

„Dann würde die KI sagen: Moment mal, Warnsignal“, erklärt PD Dr. med. Hans Christian Stubbe, Infektiologe am LMU Klinikum München und dort als Chief Medical Information Officer für die Digitalisierung klinischer Prozesse zuständig. „Sie empfiehlt: ‘Mach nochmal einen Test zur Sicherheit.‘ Und dann könnte eine Erkrankung früher identifiziert werden, was dem Patienten natürlich extrem hilft.“

Stubbe beschreibt das als das nächste Level der Medizin. Voraussetzung dafür ist, dass Patientendaten gut digitalisiert und zugänglich sind. Daran arbeitet sein Team bereits heute: In der Infektionsambulanz des LMU Klinikums testen sie Systeme, bei denen Patientinnen und Patienten ihre Daten schon im Wartezimmer per App eingeben, Medikamentenpläne per QR-Code eingelesen werden und KI das Arztgespräch in Echtzeit transkribiert, damit der Arzt sich voll auf den Menschen vor ihm konzentrieren kann.

Die Realität vielerorts sieht anders aus: Praxen arbeiten noch mit Software aus den frühen 2000ern, Befunde werden abgetippt, Berichte spät nachts geschrieben. Wer mit unspezifischen Symptomen kommt, wird oft nach Erfahrung behandelt. Gut begründet, aber selten wirklich individuell.

Besser entscheiden: Wie hilft KI, die richtige Therapie zu wählen?

Wenn Klaus 2036 in der Praxis sitzt, könnte seine Hausärztin nicht nur auf seine aktuelle Symptomatik schauen, sondern auf ein vollständiges Datenprofil: Welche Erreger kommen bei jemandem mit seinem Alter, seiner Vorgeschichte und seinen Laborwerten am häufigsten vor? Welches Antibiotikum wirkt und welches nicht, weil der Erreger resistent ist?

Besonders groß ist das Potenzial laut Stubbe bei chronischen Infektionskrankheiten wie HIV oder Hepatitis. Diese Patientinnen und Patienten brauchen jahrelange, engmaschige Betreuung durch Spezialistinnen und Spezialisten. Wann muss die Therapie umgestellt werden? Welches Medikament verträgt sich mit einer neu hinzugekommenen Erkrankung wie Diabetes? Fragen, die heute nur erfahrene Infektiologen sicher beantworten können.

„Meine Vorstellung ist, dass der HIV-Patient mit seiner komplexen Infektion zum Hausarzt geht und ein Modell dem Hausarzt hilft, die Infektion zu steuern“, sagt Stubbe. „Selbst die komplexesten infektiologischen Fragen könnte eine spezialisierte KI in Windeseile beantworten, ohne dass ein zusätzlicher Facharztbesuch nötig wäre."" Nur wenn das Modell keine hinreichende Sicherheit erreicht, würde noch in ein Zentrum überwiesen.

Das wäre ein enormer Gewinn, nicht nur für Patientinnen und Patienten in Städten, sondern vor allem für Menschen auf dem Land, wo die nächste Infektiologie Stunden entfernt ist und Wartezeiten von Wochen keine Seltenheit sind.

Gezielt behandeln: Wie macht KI die Behandlung präziser und wirksamer?

Diagnose und Therapieentscheidung sind der Anfang. Was danach kommt, ist ebenso entscheidend: die Begleitung über die Zeit. Denn Infektionskrankheiten verändern sich. Die Behandlung muss sich mit ihnen verändern.

Im Jahr 2036 könnte Klaus' Verlauf kontinuierlich überwacht werden: Laborwerte, Vitalzeichen, vielleicht Daten aus einer Smartwatch. Eine KI erkennt, ob die Therapie anschlägt oder ob sich der Zustand verschlechtert, bevor Klaus selbst etwas spürt. Schlägt das System an, wird die Hausärztin informiert.

Klaus geht 2036 mit einem Behandlungsplan nach Hause, der zu ihm passt. Nicht zu einem Durchschnittspatienten, nicht zu einer Leitlinie, die für alle gilt. Zu ihm, mit seiner Geschichte, seinen Werten, seiner Situation. Ob das ausreicht, um ihn schnell wieder auf die Beine zu bringen, bleibt offen. Aber seine Chancen, dass das Problem früh erkannt, richtig eingeordnet und gezielt behandelt wird, die sind 2036 deutlich besser als heute.

PD Dr. med. Hans Christian Stubbe ist Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie an der Medizinklinik 2 des LMU Klinikums München. Er hat sich für Entscheidungsfindung in der klinischen Infektiologie habilitiert und ist als Chief Medical Information Officer am LMU Klinikum für die Digitalisierung klinischer Prozesse zuständig.

Quellen: Ärzteblatt Hessen, „Infektionskrankheiten im höheren Lebensalter"", Juli/August 2024 (laekh.de); Interview mit PD Dr. med. Hans Christian Stubbe, LMU Klinikum München, 2026


Senior

Mit steigendem Lebensalter zählt jeder Tag in guter Gesundheit. KI könnte 2036 helfen, Alzheimer früher zu entdecken, Pflege zu erleichtern oder Therapien bei chronischer Leukämie gezielter zu steuern – für mehr Selbstständigkeit und Lebensqualität im Alter.

Blutkrebs bei Älteren: keine Standardbehandlung mehr

Im Jahr 2036 könnte die Behandlung der chronisch lymphatischen Leukämie (CLL), der häufigsten Form von Blutkrebs bei älteren Menschen, deutlich präziser sein. KI-Systeme analysieren winzige Veränderungen in Blutzellen und im Erbgut einzelner Krebszellen und erkennen Muster, die zeigen, wie aggressiv die Erkrankung verläuft und welche Therapie am besten wirkt. Statt Standardbehandlung entscheidet dann ein datenbasiertes Modell: sanfter, gezielter, passender zum individuellen Verlauf. Bei Helmholtz Munich trainieren Forschende solche Systeme schon heute, damit Ärztinnen und Ärzte künftig schneller erkennen können, wann beobachtet, wann eingegriffen und wie behandelt werden sollte. Für Therapien, die Lebenszeit und Lebensqualität erhalten.

Krebs bei Älteren

Ältere Menschen bekommen manchmal eine bestimmte Art von Blutkrebs. Fachleute nennen diese Art von Blutkrebs: chronisch lymphatische Leukämie. Die kurze Form ist: CLL. Bei dieser Krebsart vermehren sich bestimmte Blutkörperchen unkontrolliert. CLL ist nicht heilbar. Die Krankheit kann aber behandelt werden.

Im Jahr 2036 kann man CLL vielleicht noch besser behandeln. Dafür benutzen die Ärzte dann vielleicht eine KI. Die KI kann Informationen aus Untersuchungen auswerten. Die KI kann selbst winzige Veränderungen bei den Blutzellen oder bei den Krebszellen erkennen. Die KI kann diese Informationen viel besser auswerten als ein Mensch. Und die KI kann die Informationen mit den Informationen von Millionen anderer Menschen mit CLL vergleichen. Die KI kann dann auch einschätzen: Wie gefährlich ist der Krebs? Breitet sich der Krebs aus? Und die KI kann dann Hinweise geben: Welche Behandlung hilft am besten gegen den Krebs? Die Behandlung passt dann vielleicht genau zu dem Krebs des Patienten.

Fachleute aus München arbeiten heute schon an solchen KI-Systemen. In Zukunft können manche Patienten dadurch vielleicht länger leben. Und manche Patienten können dadurch vielleicht besser leben.

Alzheimer: dem Vergessen zuvorkommen

Für Menschen ab 60 könnte 2036 ein einfacher Bluttest beim Hausarzt den Unterschied machen: Eine KI-gestützte Auswertung von Biomarkern und digitalen Kognitionstests erkennt Alzheimer früh – bevor schwere Symptome auftreten. Heute dauert die Diagnose nach den ersten Symptomen im Schnitt 3,5 Jahre. Wertvolle Zeit, in der ein frühes Eingreifen große Unterschiede machen könnte: mehr Zeit, Behandlungsmöglichkeiten zu prüfen, oder selbstbestimmt Entscheidungen für das weitere Leben zu treffen. KI wird 2036 nicht nur die Früherkennung beschleunigen durch die Kombination verschiedener Diagnosewege – sie kann auch den Behandlungspfad koordinieren und ermöglicht individuell abgestimmte Therapien mit weniger Nebenwirkungen.

Alzheimer und Demenz

Bei der Alzheimer Krankheit sterben Nervenzellen im Gehirn ab. Alzheimer führt oft zu einer Demenz. Am Anfang kann man sich bei Demenz nicht mehr gut erinnern. Später vergessen manche Betroffene ihren Namen oder die Namen ihrer Verwandten. Viele können dann nicht mehr selbständig leben. Sehr oft ist Alzheimer die Ursache für eine Demenz.

Betroffene merken Alzheimer lange nicht. Sie haben erst spät Symptome. Aber vielleicht hat die Krankheit schon Jahre vorher angefangen. Manchmal erkennen Ärzte die Krankheit auch erst nach langer Zeit. Das heißt: Manche Betroffene gehen zum Arzt. Aber vielleicht wissen sie erst nach Jahren mit Sicherheit: Ich habe Alzheimer.

Mit KI ist das im Jahr 2036 vielleicht anders.

Für Menschen ab 60 Jahren gibt es dann vielleicht einen Test auf Alzheimer. Den Test können die Menschen dann beim Hausarzt machen. Der Hausarzt nimmt Blut ab. Im Blut können Hinweise auf Alzheimer gefunden werden. Der Patient macht auch einen Schnelltest für das Gehirn. Der Patient muss dann verschiedene Aufgaben lösen. Eine KI wertet die Tests dann aus. So kann die KI früh erkennen: Hat jemand Alzheimer? Dann können die Ärzte früher etwas gegen die Krankheit machen. Und die Patienten können früher behandelt werden. So können die Patienten auch länger selbstständig leben.

Alzheimer: dem Vergessen zuvorkommen

Georg ist 68 Jahre alt, pensionierter Lehrer, leidenschaftlicher Schachspieler. Seit einigen Monaten fällt ihm auf, dass er mitten im Satz nach Worten sucht – Dinge, die er früher mühelos abrief. Er erwähnt es beim nächsten Termin mit seiner Hausärztin fast beiläufig, zwischen Blutdruckmessung und Cholesterinwert. Seine Ärztin hört zu. Und dann passiert etwas, was heute noch selten ist: Sie handelt.

Alzheimer ist die häufigste Ursache für Demenz – und eine der am schwersten zu greifenden Erkrankungen überhaupt. Nicht, weil sie selten wäre, sondern weil sie sich so lange versteckt. Die Veränderungen im Gehirn beginnen Jahre, manchmal Jahrzehnte vor den ersten spürbaren Symptomen. Bis eine Diagnose gestellt wird, vergehen heute im Durchschnitt 3,5 Jahre nach dem ersten Auftreten von Beschwerden, und ein großer Teil der fortgeschrittenen Demenzen wird überhaupt nicht diagnostiziert. Viele Betroffene warten noch länger. Dabei gilt: Je früher eine Diagnose gestellt wird, desto länger lässt sich die Phase erhalten, in der Menschen noch weitgehend selbstständig leben können.

Früh erkennen: Wie erkennt KI das Problem, bevor es schlimmer wird?

Im Jahr 2036 beginnt die Früherkennung von Alzheimer bei der Hausärztin – nicht erst in der Gedächtnisambulanz, nicht erst dann, wenn die Erkrankung bereits weit fortgeschritten ist. Georgs Ärztin führt einen bis dahin standardisierten Brain Health Check-up durch: ein kurzer digitaler Gedächtnistest am Tablet, eine Blutabnahme, ein Gespräch. Die KI übernimmt die Auswertung.

Ein entscheidender Schritt ist ein Bluttest auf den Biomarker pTau217 – ein Eiweißfragment, das auf krankhafte Amyloid-Ablagerungen im Gehirn hinweist, lange bevor Symptome spürbar werden. Der Test ist heute seit kurzem CE-zertifiziert, also für den Einsatz in Deutschland zugelassen. 2036 wird er Routine sein – und es wird noch weitere, neue Tests geben. Gegenüber bisherigen Untersuchungs-Methoden (z. B. PET-Scan vom Gehirn oder Untersuchung der Nervenflüssigkeit), die teuer, schwer zugänglich oder invasiver sind, wären solche Bluttests ein enormer Fortschritt. Künftig könnten in der Alzheimer-Diagnostik verschiedenen Ansätze kombiniert werden: Tests auf Amyloid, weitere Biomarker, digitale Marker etc., ähnlich wie bei der Krebsvorsorge.

„Der Zeitpunkt der Erkennung wird sich in Zukunft weiter nach vorne verschieben, in asymptomatische Stadien,“ prognostiziert Robert Perneczky, Leiter der Abteilung für Psychische Gesundheit im Alter und des Alzheimer Therapie- und Forschungszentrums des LMU-Klinikums München. „In diesen Phasen weisen nur gewisse Biomarker auf die Erkrankung hin, es sind noch keine Symptome vorhanden.“

Ergänzt wird der Bluttest in Zukunft durch einen KI-gestützten kognitiven Schnelltest, der Sprachfluss, Reaktionszeit und Gedächtnisleistung misst – ähnlich dem klassischen Uhrentest, bei dem eine Uhr gezeichnet werden muss, nur präziser und vollständig automatisiert ausgewertet. Für Georg bedeutet die frühe Erkennung: Er weiß, womit er es zu tun hat. Und er kann handeln, solange er noch alle Möglichkeiten hat.

Zeigen die Werte Auffälligkeiten, wird 2036 der nächste Schritt klar sein: Der digitale Patientenpfad – eine KI-gestützte Plattform, die alle Befunde bündelt – schlägt automatisch die Überweisung in die neurologische Praxis vor und koordiniert den Termin. Alle Beteiligten im Behandlungsprozess, von der Hausärztin bis zur Gedächtnisambulanz, sehen genau die Informationen, die an dieser Stelle des Pfades relevant sind. „Solche klar definierten Patientenpfade, wie es sie aktuell für zum Beispiel für Herzerkrankungen bereits gibt, fehlen für Demenz,“ ordnet Perneczky ein. „Die Vorteile für Betroffenen: einerseits verbesserte Früherkennung und damit letztlich Prävention der Alzheimer-Erkrankung, andererseits mehr Empowerment. Betroffene und Angehörige wissen ganz klar, wo sie im Patientenpfad stehen und welche Ansprechstellen die richtigen für sie sind.“

Besser entscheiden: Wie hilft KI, die richtige Therapie zu wählen?

Nicht jede Gedächtnisschwäche ist Alzheimer. Und nicht jeder Alzheimer-Befund bedeutet dasselbe. KI hilft 2036 dabei, beides zu unterscheiden und die Therapie gezielt auf die individuelle Situation abzustimmen.

Georgs Blutbiomarker zeigen erhöhte pTau217-Werte, zusätzlich wertet die KI seine MRT-Aufnahmen vom Gehirn aus. Zusammen mit den kognitiven Testergebnissen ergibt sich ein klares Bild: frühe Alzheimer-Erkrankung, noch im Stadium leichter kognitiver Beeinträchtigung – dem sogenannten Mild Cognitive Impairment (MCI). In dieser Phase sind erste Einschränkungen messbar, aber die Selbstständigkeit im Alltag ist noch weitgehend erhalten. Genau hier liegt das größte Potenzial: Wer in diesem Stadium erkannt wird, hat die besten Chancen, von einer Therapie zu profitieren.

Gezielt behandeln: Wie macht KI die Behandlung präziser und wirksamer?

Auf dieser Grundlage entscheidet das Behandlungsteam – gemeinsam mit Georg – über die nächsten Schritte. Zur Verfügung stehen 2036 voraussichtlich mehrere zugelassene Medikamente, zum Beispiel Antikörper, die gezielt gegen Amyloid-Ablagerungen im Gehirn wirken, aber auch neuere Wirkstoffe. Sie werden einfacher in der Verabreichung sein, schwere Nebenwirkungen werden weniger als heute. Die Wahl des richtigen Präparats hängt vom individuellen Biomarkerprofil ab – eine Entscheidung, die KI vorbereitet, aber das ärztliche Team trifft.

Langfristige Begleitung: von KI unterstützt

Diagnose und Therapieentscheidung sind der Anfang. Was danach kommt, ist ebenso entscheidend: die Begleitung über die Zeit. Denn Alzheimer ist eine Erkrankung, die sich verändert – und die Behandlung muss sich mit ihr verändern.

Georgs digitaler Patientenpfad läuft weiter, auch nach der ersten Diagnose und Therapie. Kognitive Tests werden regelmäßig wiederholt – nicht mehr als aufwändige Termine in der Klinik, sondern als kurze digitale Checks, die Georg von zu Hause aus ausfüllt. Die KI erkennt, ob sich sein Zustand stabilisiert, verbessert oder verschlechtert, und gibt dem Behandlungsteam frühzeitig Hinweise, wenn eine Anpassung der Therapie nötig wird.

Georg wird seine Erkrankung nicht besiegen. Aber er hat bessere Chancen als je zuvor: früher erkannt, gezielter behandelt, besser begleitet.

Wissenschaftliche Grundlage: Interview mit Univ.-Prof. Dr. med. Robert Perneczky, MBA, Leiter des Alzheimer Therapie- und Forschungszentrums am LMU Klinikum München und Arbeitsgruppenleiter am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) München. Ergänzend: Orgeta V et al., „Dementia takes 3.5 years to diagnose after symptoms begin"", University College London (2025); Roche, CE-Zulassung Elecsys® pTau217 (2025); DZNE, Alzheimer-Bluttest USA (2025); DZNE-Magazin, „Eine App gegen Alzheimer"" (2025); Alzheimer Forschung Initiative, Behandlungsübersicht (2025); Thieme Connect, Deep-Learning-Modell zur Amyloid-Vorhersage via MRT (2025); Springer, KI und OMICs-Ansätze bei Alzheimer (2024).


Pflege: smarte Unterstützung für mehr Menschlichkeit

Bereits bis Mitte der 2030er-Jahre werden in Deutschland etwa 20 Millionen Menschen älter als 67 Jahre sein. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt – je nach Annahme zur Entwicklung der Pflegequoten – auf 5,7 bis 6,4 Millionen. Gleichzeitig fehlen Pflegekräfte. Diese Veränderung lässt sich nur über KI und Technologie auffangen: Im Jahr 2036 könnte KI die Pflege nicht ersetzen, aber entscheidend entlasten. Sprachassistenten übernehmen Pflege-Dokumentation, smarte Sensoren erkennen Stürze und Medikamentenfehler, und soziale Roboter begleiten Menschen, die allein sind. Für Pflegepersonal bleibt mehr Zeit für das Wesentliche – die Menschen.

Pflege

In der Zukunft werden 20 Millionen Menschen in Deutschland über 67 Jahre alt sein.

5,7 bis 6,4 Millionen Menschen sind dann vielleicht pflegebedürftig. Das bedeutet: Die Menschen brauchen Hilfe im Alltag. Die Menschen brauchen zum Beispiel Hilfe beim Anziehen oder beim Essen machen. Pflegekräfte helfen diesen Menschen. Pflegekräfte sind Fachkräfte. Sie pflegen andere Menschen. Aber es gibt zu wenig Pflegekräfte. Deshalb brauchen Pflegekräfte Hilfe.

Im Jahr 2036 kann die KI den Pflegekräften vielleicht helfen. Die KI macht vielleicht verschiedene Dinge, zum Beispiel:

  • Die KI kann Berichte für die Pflegekräfte schreiben.
  • Die KI kann erkennen: Ist ein Mensch hingefallen? Dann kann die KI Hilfe rufen.
  • Die KI kann erkennen: Nimmt der Mensch seine Medikamente ein? Und nimmt der Mensch die richtigen Medikamente ein?

Die KI unterstützt vielleicht die Pflegekräfte. Dann haben die Pflegekräfte mehr Zeit für die Menschen. Und die KI kann vielleicht den pflegebedürftigen Menschen helfen. Die KI kann ihnen zuhören. Dann fühlen sich die Menschen nicht allein.

Pflege: smarte Unterstützung für mehr Menschlichkeit

Hildegard ist 79 Jahre alt, lebt allein in ihrer Wohnung in Landsberg am Lech, westlich von München, und liebt es, morgens lange am Küchentisch zu sitzen. Seit einem Jahr kommt dreimal täglich eine Pflegerin – kurze Besuche, immer ein anderes Gesicht, manchmal kaum Zeit für ein Gespräch. Hildegard versteht das. Aber manchmal wünscht sie sich einfach jemanden, der zuhört.

Dass Hildegards Wunsch 2036 vielleicht erfüllt werden könnte – nicht von einem Menschen, aber von einer Technologie, die sich anfühlt wie Gesellschaft –, daran arbeitet Prof. Dr. Alexander König, Lehrstuhlvertreter für Robotik und Systemintelligenz an der Technischen Universität München. Sein Forschungsprojekt Geriatronics hat ein Ziel: Ältere Menschen sollen möglichst lange selbstbestimmt zu Hause leben können.

Früh erkennen: wenn die Wohnung mitdenkt

Im Jahr 2036 könnte Hildegards Wohnung still mitdenken. Sensoren an Türen, Herd und Bett registrieren, ob sie aufgestanden ist, ob sie gegessen hat, ob der Herd nach zehn Minuten noch läuft. Eine KI wertet diese Daten kontinuierlich aus – und schlägt Alarm, wenn etwas nicht stimmt. Fällt Hildegard, erkennt das System den Sturz automatisch und wählt den Notruf. Aktuelle Forschung zeigt, dass solche Systeme bereits heute in der Lage sind, Gesundheitsanomalien frühzeitig zu erkennen und medizinische Termine automatisch einzuplanen, bevor Symptome schlimmer werden.

Auch die Medikamenteneinnahme könnte überwacht werden: Ein smarter Dispenser erinnert Hildegard zur richtigen Zeit, dokumentiert, ob sie die Tabletten genommen hat, und informiert bei Bedarf ihre Tochter, per App, aus der Ferne. Nicht als Kontrolle, sondern als Sicherheitsnetz. KI-gestützte Sprachassistenten können dabei regelmäßige Check-ins durchführen, Veränderungen in Stimmung oder Symptomen erkennen und bei Bedarf direkt Pflegekräfte oder Ärztinnen benachrichtigen.

„Es wird viel über Sensorik kommen“, erklärt Prof. König. „Systeme, die eine Sturzerkennung haben und dann automatisch den Notruf wählen können. Medikamentenüberwachung, Sicherheitsüberwachungen – das sind viele Dinge, die passieren werden.“

Zeitsparen mit KI: für mehr Zeit mit den Menschen

2036 könnte ein Roboter im ländlichen Pflegeheim mehr sein als ein Helfer für Hol-und-Bring-Aufgaben. Professor König beschreibt ein Szenario, das heute in den USA bereits in Ansätzen existiert: Ein teleoperierter Roboter führt unter Anleitung einer Ärztin einen Fernbesuch durch und hört das Herz ab, macht einen Ultraschall, übermittelt die Daten in Echtzeit. Die Ärztin sitzt 100 Kilometer entfernt.

Für Hildegard würde das bedeuten: keine Taxi-Orga, kein langer Fahrtweg zur Praxis, kein Warten im Wartezimmer. Die Untersuchung kommt zu ihr. Und die Pflegekraft vor Ort – augmentiert, also erweitert, durch Technologie – kann Informationen liefern, die früher nur ein Arztbesuch ergeben hätte. KI-Systeme können dabei Krankenakten, Vitalwerte aus Wearables und frühere Behandlungsverläufe zusammenführen und dem ärztlichen Team in Echtzeit aufbereitete Entscheidungsgrundlagen liefern.

Auch die Dokumentation, heute eine der größten Zeitfresser im Pflegealltag, könnte KI übernehmen. „Die Pflegekraft kann unterwegs einfach diktieren: ‘Frau Müller hat heute drei Gläser Wasser getrunken, die Wunde schaut gut aus, sie war guter Stimmung’“, sagt König. „Das wird systematisch gemacht, dann hat man die Fahrzeit produktiv genutzt und die Pflegekraft entlastet.“

Adieu, Einsamkeit: eine KI mit unendlicher Geduld beim Zuhören

Hildegard lebt allein, aber sie muss sich nicht allein fühlen. Im Jahr 2036 könnte auf ihrem Küchentisch ein kleines Gerät stehen, das sie anschaut, wenn sie spricht. Es erinnert sich an alles, was sie erzählt hat. Es ist immer geduldig. Es spricht, wenn nötig, sogar bayerisch. Und es könnte ihr Lieblingsgedicht vorlesen, das Foto vom Urlaub 1987 zeigen oder einfach fragen, wie die Nacht war.

„Jemandem zuhören ist etwas, was eine KI inzwischen mindestens genauso gut kann wie ein Mensch“, sagt König. „Und sie ist immer verfügbar. Sie wird sich immer an alles erinnern, was ich gesagt habe. Sie wird unendliche Geduld mitbringen.“ König betont dabei ausdrücklich: Es geht nicht um Ersatz, sondern um Augmentierung – die Pflegekraft, die weiterhin kommt, wird durch Technologie unterstützt, nicht verdrängt.

Was König beschreibt, ist wissenschaftlich belegt: Aktuelle Forschung zeigt, dass KI-gestützte Sprachsysteme in der Lage sind, Einsamkeit und soziale Isolation bei älteren Menschen wirksam zu reduzieren. Sogenannte Reminiszenztherapie per KI – bei der das System personalisierte Inhalte wie Musik, Fotos oder Geschichten aus dem Leben der Person abruft – verbessert nachweislich die Stimmung und stärkt das Gefühl von Zugehörigkeit (Khalil et al., 2026). Solche Ansätze gehen weit über einfache Sprachassistenten hinaus: Sie lernen, passen sich an und werden mit der Zeit zu einem echten Gegenüber.

Robotik-Lösungen für Menschen, die mit Worten kaum noch erreichbar sind

Demenzpflege ist eine der größten Herausforderungen im Pflegesystem. Stationäre Einrichtungen sind vielerorts bereits heute überwiegend mit Demenzpflege beschäftigt. Und die Zahl der Betroffenen steigt. Technologie, die diese Menschen erreicht, wo Sprache versagt, könnte eine der wichtigsten Entwicklungen der nächsten zehn Jahre sein. Heute gibt es dafür bereits erste Ansätze: Robotische Kuscheltiere mit Herzschlag und Atemrhythmus helfen, Aufregung zu dämpfen und emotionale Regulation zu fördern. „Wenn Worte nicht mehr reichen“, so der Slogan eines Startups, das solche Geräte vertreibt. Auch das ist, in Königs Worten, verkörperte KI.

Hildegard wird 2036 vielleicht immer noch dreimal täglich Besuch bekommen. Aber die Pflegerin, die kommt, hat mehr Zeit – weil die Dokumentation schon erledigt ist, weil der Roboter die Wäsche gemacht hat, weil das Sensorsystem in der Nacht aufgepasst hat. Und auf dem Küchentisch steht jemand, der zuhört, wenn sie erzählen möchte. Ob das genug ist, bleibt offen. Aber es wären bessere Chancen als heute.

Prof. Dr. Alexander König ist Lehrstuhlvertreter für Robotik und Systemintelligenz an der Technischen Universität München und leitet das Forschungsprojekt Geriatronics, das KI-gestützte Assistenzsysteme für ältere Menschen entwickelt.

Quellen:

Interview mit Prof. Dr. Alexander König, TUM, Juni 2026

Khalil, R. A., Ahmad, K. & Ali, H. (2026). Redefining Elderly Care With Agentic AI: Challenges and Opportunities. IEEE Open Journal of the Computer Society, 7. DOI: 10.1109/OJCS.2026.3650842

Statistisches Bundesamt (Destatis, 2026): Demografischer Wandel

The New York Times (2026): To Stay in Her Home She Let In An A.I. Robot; Geriatronics Research Center, TUM.